Tuzla Logistic City

„Auch wenn sie mich mit Gewalt herausholen…“

In Istanbul boomt das Wohnbaugeschäft mit Monsterprojekten. Stadtviertel werden niedergerissen und neu aufgebaut. Entwurzelte Menschen bleiben zurück. „Tuzla Logistic City“ nennt sich eines dieser Großprojekte am Rande Istanbuls – geplant von deutschen Architekten.

Bald werden hier keine Kühe mehr grasen.
Foto: Jenny Becker
Ahmed Kahveci

„Ich war Kohlearbeiter. 25 Jahre habe ich in Zonguldak unter der Erde gearbeitet, bevor ich 1992 hierher gezogen bin und mir ein neues Leben aufgebaut habe. Vor ein paar Wochen kamen Männer von TOKI auf mein Grundstück und in mein Haus. Sie haben alles fotografiert und mir gesagt, dass ich bald verschwinden muss. Aber haben sie mich gefragt?“
Foto: Jenny Becker
Fatma Inan

„Vier Monate bin ich jeden Tag zu Fuß nach Orhanlɪ gegangen. Vor 20 Jahren gab es keine Busse, hier waren nur Maisfelder. Mein Mann hat alles auf seinem Rücken hierher getragen, während die Kinder in der Schule waren. Wir haben alles selbst aufgebaut, mit unserer eigenen Kraft. Wir können nicht weg. Ich habe zu Hause einen kranken Bruder. Wohin soll ich mit ihm hingehen?“
Foto: Jenny Becker
Burhan Yıldırım

„Ich wohne in dem Abschnitt der zuallererst abgerissen werden soll. Wenn das offizielle Schreiben der Regierung kommt, dass wir weg müssen, erst dann können wir klagen. Wir halten alle zusammen. Auch ich werde zum Protest gehen!“
Foto: Jenny Becker
Muteber Aksoy

„TOKI ist wie Israel – es schmeißt die Leute aus dem eigenen Land raus. Sie haben uns ein Bankkonto eingerichtet und einfach das Geld überwiesen. Aber wir rühren das nicht an. Die Türkei kümmert sich um Syrien, wenn es Hilfe braucht, aber um ihre eigenen Bürger kümmert sie sich nicht.“
Foto: Jenny Becker
Sadık Durmuş

„Hier lebt die Arbeiterklasse, niemand würde sein Grundstück aufgeben. Es sind Leute von TOKI mit dem Anwalt gekommen und haben mich gefragt wieso wir ein Haus und einen Garten hier haben. Sie stellen uns hin, als hätten wir unerlaubt ohne Grundstückspapiere gebaut. Aber das stimmt nicht, ich verkaufe nicht. Das ist keine Gerechtigkeit.“
Foto: Jenny Becker

Ahmed Kahveci holt weit aus, seine Hand deutet über die Ebene, als wollte er die Silhouetten der Betonhäuser mit seinen Fingerspitzen nachzeichnen. Zweistöckige Klötze, mintgrün oder zartrosa gestrichen, manche grau belassen. Davor auf der Wiese ein paar Kühe. „Das kommt alles weg“, sagt er. „Alles.“

Ahmed Kahveci vor seinem Haus (Foto:Jenny Becker)

An der Stelle des kleinen Ortes, in dem Ahmed seit 21 Jahren wohnt, soll die Tuzla Logistic City enstehen. Eine Logistikstadt für Warentransfer, auf zwei Millionen Quadratmeter Gesamtfläche. Am Rande Istanbuls, drei Stunden vom Stadtzentrum entfernt. Rohmaterial aus aller Welt soll hier eingeflogen, verarbeitet und exportiert werden. Per Flugzeug, Bahn oder Schiff. Nur elf Kilometer sind es bis zum Marmarameer, Bahngleise gibt es bereits, eine Autobahnanbindung ist geplant. Eine komplette Stadt ausgerichtet auf Transportoptimierung, geplant vom Architekturbüro asp im zweitausend Kilometer entfernten Stuttgart. Ein weltweit agierendes Büro, das Großprojekte in Beijing, Dubai, Köln entwirft. Auch in Istanbul.

Der Entwurf zeigt, dass die „City“ durch und durch funktional sein wird. Der Containerpark symmetrisch angeordnet, wie ein Außenring um die Stadt. Büro- und Wohnräume im Zentrum, mit breiter Flaniermeile, dazwischen immer wieder Bäume, die wie überdimensionale grüne Stecknadelköpfe aus der Betonlandschaft ragen. Für 10.000 Bewohner ist die Stadt konzipiert, gibt das türkische Partnerbüro der Stuttgarter Architekten an.

Trotz der massiven Bebauung, sollen natürliche Ressourcen genutzt, statt zerstört werden. Wälder und Wasserläufe, um die „Artenvielfalt zu erhalten“, heißt es in der Informationsbroschüre. Dort ist auch eine Karte mit einem ersten Entwurf abgebildet, der zeigt wie alles einmal aussehen soll: Grundrisse der geplanten Bauten sind über einer nur schemenhaft erkennbaren Landschaft gedruckt. Sieht man genauer hin, entdeckt man Kästchen und Straßenzüge. Den Ort Orhanlɪ.

Der Flughafen rückt näher (Foto: Jenny Becker)

Ahmed Kahveci kennt die Pläne. „Vor ein paar Wochen sind sie sogar zu mir nach Hause gekommen.“ Anwälte und Ingenieure von TOKI, dem staatlichen Bauunternehmen. „Sie haben alles fotografiert, mich nach der Größe meines Grundstücks gefragt und gesagt, dass ich hier raus muss.“ 480.000 türkische Lira haben sie ihm für sein Wohnhaus mit sieben Wohnungen und zwei Läden geboten. Das sind umgerechnet ungefähr 200.000 Euro. „Von dem Geld kann ich mir woanders allenfalls drei Wohnungen kaufen.“ Er steht still vor seinem grauen Haus, tiefe Stirnfalten, weißer Bart, nach innen gerichtete Augen. Ein alter Mann, den das Leben noch einmal auf die Probe stellt. Aber Ahmed Kahveci ist nicht allein. Fünftausend Bewohner sind betroffen, sagt er. Fünfzehn Familien haben verkauft. „Ich verkaufe nicht, auch wenn sie mich mit Gewalt herausholen.“ Und das werden sie.

Wenn Ahmed Kahveci das sagt, spricht er für viele Arbeiter, Fischer und Handwerker. An jeder Ecke in Istanbul wird gebaut, Altes niedergerissen, Neues hochgezogen. Rasend schnell wächst die Millionenstadt, die in einer Erdbebenzone liegt. Seit dem großen Erdbeben 1999 hat ein Bauboom eingesetzt. Für das Wirtschaftswachstum war das gut, vor allem in den vergangenen zehn Jahren. Noch immer liegt das Wachstum bei 1,4 Prozent. Doch die neuen modernen Häuser sind teuer. Zu teuer für die ehemaligen Mieter. Sie wandern in Randbezirke ab, wo die Mieten billiger sind.

Ahmed Kahveci weiß das. Aber so schnell gibt er nicht auf. „Ich bin einer der Ältesten im Ort, die Menschen hören auf mich. Wir werden uns wehren.“

Diese Recherche entstand wenige Wochen vor Beginn der Proteste in Istanbul. Der Bauboom hat die Türkei wirtschaftlich vorgetrieben und unabhängig, aber auch viele Menschen heimatlos, gemacht. Die Gezi-Park Proteste stehen symbolhaft für eine Entwicklung, die in ganz Istanbul zu beobachten ist.