NSU-Mordserie

„Dönermorde passt doch!“

Vor wenigen Wochen noch war „Sabah“ im Ausland ein wenig bekanntes Blatt. Dann wagte es die türkische Tageszeitung, das deutsche Justizsystem herauszufordern. Zu Besuch in der Istanbuler Zentrale.

Schlagzeile in eigener Sache: „NSU-Prozess wegen Sabah-Klage verschoben“

Dienstag, 16. April 2013, 7. Stock eines Hochhauses in Beşiktaş, einem der vornehmeren Stadtteile Istanbuls. Aplarslan Akkus, Leiter des Auslandsressorts der Tageszeitung „Sabah“, sitzt an seinem Schreibtisch in der hinteren Ecke eines Großraumbüros. Junge, gut gekleidete Menschen arbeiten dicht an dicht, Volontäre neben erfahrenen Redakteuren, keine der Frauen trägt Kopftuch. Gutgelaunt zeigt Akkus auf die Schlagzeile des Tages: „NSU-Prozess verschoben.“

„Sabah“ bedeutet auf Türkisch „morgen“. Morgen hätte in München auch der Prozess gegen Beate Zschäpe und weitere Angeklagte beginnen sollen. Ohne Medien aus der Türkei und Griechenland – den beiden Ländern, aus denen neun der zehn NSU-Opfer stammen. „Eine Schande“ sagt Akkus. „Sabah“ klagte dagegen beim Bundesverfassungsgericht und gewann. Zusammen mit fünf weiteren türkischen Medien ist die Tageszeitung nun beim Prozess vertreten.

„Sabah“, die von Ressortleiter Akkus als „liberales Massenblatt“ beschrieben wird, gehört zu einem der größten Verlagshäuser der Türkei, der Turkuvaz Media Group. Unter seinem Dach versammeln sich vier TV-Kanäle, sechs Magazine, fünf Tageszeitungen und diverse Websites. Das Einstiegsgehalt eines Redakteurs beträgt umgerechnet 900 Euro – auch für Istanbul nicht gerade viel. Journalismus muss man sich leisten können in der Türkei. „Wir sind Kinder aus reichem Hause“, sagt Akkus über sich und seine Kollegen. Der reichste Mann im Haus ist ohne Zweifel Ahmet Çalık, 55. Kaum eine Branche, in die der Verleger nicht investiert: Neben dem Mediensektor hat er auch in der Energie-, Bau- und Textilindustrie seine Hände im Spiel. Ihm wird eine besondere Nähe zur regierenden AKP nachgesagt, ein Schwiegersohn Erdoğans ist Geschäftsführer seines Konzerns. „Sabah“ gilt als regierungsnahe Zeitung.

Die Klage ist Beweis für das neue Selbstbewusstsein der Türkei

350.000 Leser zählt sie in der Türkei, 5000 sind es im restlichen Europa. In Deutschland arbeiten rund 50 freie Mitarbeiter für die Auslandsausgabe, die Redaktion sitzt in Frankfurt. Von dort aus wurde auch die Klage beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe eingereicht – zuvor entschieden in Absprache mit der Zentrale in Istanbul. Wer an diesem Tag mit Akkus spricht, dem wird schnell bewusst: Die Aktion im Alleingang hat sich ausgezahlt für „Sabah“. „Über die Klage berichtet haben wir erst, als wir gewonnen haben.“

Dass eine türkische Zeitung es wagt, die Entscheidung deutscher Behörden zu kritisieren, ist auch Ausdruck eines neues Selbstbewusstseins der Türkei. „Vor zehn Jahren wäre das nicht möglich gewesen“, meint Akkus. „Die Türkei ist heute ein anderes Land. Wenn wir uns angegriffen fühlen, dann wehren wir uns.“ Und angegriffen fühlte sich bei der Posse um die Platzvergabe die Türkei höchstpersönlich – anders als bei der NSU-Mordserie. So waren die NSU-Morde in der Türkei kein „Seite 1“- Thema – das Gerangel um die Plätze im Gericht dagegen schon.

Für Akkus ist klar: „In diesem Fall müssen wir Türken die Informationen aus erster Hand erfahren“, auch wenn man es deutschen Medien hoch anrechne, dass diese ihre Plätze im Gericht angeboten hätten. „Die Verbrechen richteten sich gegen die deutschtürkische Bevölkerung.“ Nicht selten wird auf diese Gruppe von der Türkei aus herablassend geblickt. Für viele bleibt sie die ungebildete, „buckelige Verwandtschaft“ aus Anatolien. So hat auch Akkus mit dem Begriff „Dönermorde“, der in Deutschland jahrelang als Synonym für die Mordserie verwendet und 2011 zum Unwort des Jahres gewählt wurde, kein Problem – im Gegenteil. „Wir haben die Bezeichnung von unseren deutschen Kollegen übernommen.“ Auf türkisch heißt das Dönerci cinayetleri. „Passt doch“, findet Akkus – schließlich, so glaubt er, haben die meisten Türken in Deutschland „mit dem Döner-Ding zu tun“.