Fußballer Roberto Hilbert

„Dinge, für die ich mich schäme“

Roberto Hilbert hat viel erreicht: Deutscher Meister, Spiele für die Nationalmannschaft und in der Champions League. In seiner neuen Heimat Istanbul gelingt es dem Fußballer nun endgültig, auch einen Teil seiner Vergangenheit hinter sich zu lassen, auf den er nicht stolz ist. Ein Porträt.

Ein Mann bei der Arbeit: Roberto Hilbert auf dem Trainingsgelände von Beşiktaş JK (Foto: Eric Vazzoler)

Ein Mann bei der Arbeit: Roberto Hilbert auf dem Trainingsgelände von Beşiktaş JK
Foto: Eric Vazzoler

Mit nacktem Oberkörper steht Roberto Hilbert auf dem Rasen, die Hände in die Hüften gestemmt. Der Schweiß auf seiner tätowierten Brust vermischt sich mit dem Regen, der seit Stunden ins Inönü-Stadion fällt. Flutlichter erhellen den Abend in der Arena zum Tag, der Himmel darüber bleibt schwarz. Knapp, mit Eins zu Null, hat sein Team Beşiktaş Istanbul den Gast aus Antalya besiegt. Mit ernstem Gesicht macht sich Hilbert auf zum Fanblock, um sich für die Unterstützung zu bedanken. Die Fans haben trotz des schwachen Auftritts der Mannschaft gegrölt, gesungen und gefeiert, als gäbe es kein Morgen mehr. Sie können nicht anders. Auch Hilbert hat seinen Job erledigt, das Team hat kein Gegentor kassiert.

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Das Inönü-Stadion

Das Fi-Yapı Inönü-Stadion gilt als eines der schönsten der Welt. Von den höher gelegenen Rängen ist der Blick frei auf den Bosporus. Seine Magie entfaltet das Stadion aber vor allem durch die Fangesänge. Wenn die gut 30.000 Anhänger des Vereins aus vollen Kehlen ihre Mannschaft anfeuern, was sie in aller Regel neunzig Minuten am Stück tun, dann bebt das Gemäuer. Deshalb hielten die Beşiktaş-Fans auch bis 2007 den Weltrekord für die größte je in einem Fußballstadion aufgenommene Lautstärke, den die Fans von Galatasaray ihnen dann aber klauten. 2013 endet die Ära des Inönü-Stadions: Nach dem Ende der Saison wird das Stadion abgerissen, ein Neubau ist in Planung. Zum Abschied machten die Fußballanhänger ihrer Mannschaft ein schönes Geschenk: Mit 141 Dezibel holten beim letzten Heimspiel den Rekord zurück an den Bosporus.

„Es war die richtige Entscheidung, herzukommen“, sagt er am Tag nach dem Regentanz. Er meint nicht die Teestube, zu der er unterwegs ist, sondern seine neue Heimat Istanbul. Noch immer ist es nass und kalt. Er trägt nur ein T-Shirt und ein Leinenjäckchen. Routiniert bewegt er sich durch den chaotischen Verkehr: Während er sich an Blechkarossen vorbeischiebt, die an einer roten Ampel warten, dreht er den Kopf, fränkelt über die Schulter: „Ich hab’ gute Freunde gefunden, wir haben ein tolles Stadion, fantastische Fans.“

Drei Jahre ist es her, dass Roberto Hilbert vom VfB Stuttgart an den Bosporus wechselte. Seitdem verteidigt er für Beşiktaş Istanbul die rechte Seite im Inönü-Stadion. Ein Spiel wie am Vorabend ist die Ausnahme: Meist bleiben die Scheinwerfer aus, und die Sonne wirft ihr Licht aufs Spielfeld und den Bosporus. Beides ist dann von den hochgelegenen Sitzplätzen des ovalen Stadions aus zu sehen. Für diese Szenerie und seine lautstarken, nimmermüden Fans ist das Inönü bekannt.

Der 28-Jährige fühlt sich wohl mit seiner Situation als Profi im besten Alter. Das sagt er, und das sagt auch sein Gesichtsausdruck. Ein bisschen müde schaut er aus, als er im Teehaus unter einem Heizstrahler Platz nimmt, aber zufrieden. Er hat seine Rolle gefunden im Verein, genießt das Vertrauen des Trainers, der ihn fast immer aufstellt. „Ich bin nicht der Star, aber das will ich auch überhaupt nicht sein. Ich genieße große Anerkennung, die Leute begegnen mir hier mit unheimlich viel Respekt.“ Die Türken nennen ihn auch „Tren“ – „den Zug“ – weil er während der Spiele unermüdlich die rechte Außenbahn auf und ab rennt. Die Anfangsquerelen, die man als junger Spieler mit dem Druck der Öffentlichkeit hat, liegen hinter ihm, das Karriereende und das damit verbundene „Was jetzt?“ liegt noch ein paar Jahre in der Zukunft. „Das passt schon“, sagt er.

Der Beşiktaş-Halbmond vor dem Beşiktaş-Vollmond, dem Flutlicht (Foto: Felix Austen)

Dabei passten Hilbert und Istanbul anfangs überhaupt nicht zusammen. Als sein Wechsel beschlossen war, musste es schnell gehen: Hals über Kopf setzte er über in die Türkei. Die Kultur und Sprache – Neuland für Hilbert. „Die ersten sechs Wochen waren eine Katastrophe. Jeden zweiten Tag habe ich meinen Berater angerufen und ihm gesagt, ich will wieder nach Hause. Die Umzugskartons kamen erst Wochen später, bei den Spielen saß ich auf der Bank.“ Am schlimmsten: Seine Familie war nicht bei ihm. Ohne die geht es für Hilbert nicht.

Er trinkt türkischen Tee und bestellt einen Cheeseburger. Ein Kellner stellt den Teller vor ihm ab: „Of course, Mister Hilbert.“ Er ist bekannt im Stadtviertel Beşiktaş, wo rund siebzig Prozent der Menschen mit dem Verein sympathisieren.

Als er den Burger in der Hand hält, wird ein Tattoo an seinem Ringfinger sichtbar: Saba, der Name seiner Frau, und das Datum seines Hochzeitstags, einmal um den Finger herum gestochen. „Ich habe schon zweimal den Ehering verloren, da hab ich mich für diese Variante entschieden.“

„Meine Mutter war nur physisch anwesend“

Geheiratet haben die beiden im Dezember 2005, da war Hilbert gerade einmal zwanzig Jahre alt. Seine Frau Saba, zwölf Jahre älter als er, brachte eine elfjährige Tochter mit in die Ehe. Inzwischen haben sie noch drei eigene Kinder zwischen zwei und sieben Jahren. „Sicherlich bin ich auch deshalb schnell eine sehr enge Beziehung eingegangen und habe eine Familie gegründet, weil mir genau das als Kind gefehlt hat. Ich liebe auch den Fußball“, sagt er, „die Familie ist aber ganz klar die Nummer eins.“

Das hat mit seiner Jugend in Forchheim, Oberfranken, zu tun. Bevor er anfängt, davon zu erzählen, starrt er einen Moment durch die matten Kunststofffolien in den Regen hinaus. „Darüber habe ich bisher noch nie mit einem Journalisten gesprochen.“

Seine Heimat liegt rund 30 Kilometer nördlich von Nürnberg. Hier besuchte er seinen ersten Fußballverein, die Spielvereinigung Jahn Forchheim. Die Eltern seines Stiefvaters zogen ihn groß, seine Mutter lebte auch in der Wohnung. „Das war aber auch das einzige, was von ihr kam. Sie war nur physisch anwesend. Zu meinem Vater hatte ich sporadisch Kontakt über meinen älteren Bruder. Alles andere als eine gesunde Vater-Sohn-Beziehung.“ Sein Stiefvater brachte ihn eine Zeit lang zum Training zum 1. FC Nürnberg, bis die Fahrerei zu viel wurde. Die nächsten Jahre kickte Roberto wieder mit seinen Kameraden von der Spielvereinigung Jahn Forchheim.

Training bei Beşiktaş

Der Mangel an Rückhalt aus der Familie führte ihn zeitweise auf die kriminelle Bahn. „Da sind Sachen vorgefallen, auf die ich nicht stolz bin.“ Immer wieder bricht er seine Sätze ab, setzt neu an. „Dinge, für die ich mich schäme. Damit sollen meine Kinder nichts zu tun haben.“ Genauer möchte er nicht werden. Heute habe er keinerlei Kontakt mehr zu Geschwistern und Eltern. Sein Vater sagte einer Lokalzeitung kürzlich, er hätte gern wieder Kontakt zu seinem Sohn. Ein Wunsch, den Hilbert nicht erfüllen will.

Woher er die Hartnäckigkeit nahm, den Trainingsplan eines angehenden Profis zu erfüllen, weiß er nicht. Mit 15, als er wieder bei Nürnberg trainierte, saß er viele Stunden pro Woche im Zug, um im Training an die Grenzen seines Körpers und seines Willens zu gehen, während seine Klassenkameraden im Freibad den Mädchen hinterher sahen. „Es hat Kraft gekostet“, sagt er im Rückblick auf die Anfänge seiner Karriere. „Vielleicht war es die Angst, was aus mir werden würde, wenn ich es nicht schaffe. Was ich dann machen würde, darüber möchte ich gar nicht nachdenken.“

„Ich habe alle Journalisten als Feinde gesehen“

Hilbert brauchte seine Zeit, um die Spielregeln des Fußballs neben dem Platz zu lernen. Während seiner ersten Jahre in Stuttgart machte er schlechte Erfahrungen mit Medienvertretern. In der Saison nach dem Gewinn der Meisterschaft zog er sich einen Bänderriss zu. Statt zu pausieren, und die verletzungsgeplagte Mannschaft weiter in den Engpass zu treiben, zwang er sich weiterzuspielen. Die Folge: schlechte Leistung, schließlich riss noch ein Band im anderen Knöchel. „In der Zeit gab es extrem viel Kritik. Ich habe das falsch aufgenommen, mich von den Medien abgeschottet, und alle Journalisten als Feinde gesehen.“ In Stuttgart hätten ihn Journalisten als arrogant abgestempelt.

Einmal die Woche dürfen die türkischen Medien zusehen, wenn die Stars ihre Leiber strecken (Foto: Eric Vazzoler)

Man spürt, dass er genau diesen Eindruck nicht erwecken möchte: Immer wieder verallgemeinert er seine Sätze von sich auf andere Sportler, nimmt ohnehin harmlose Aussagen zurück. Inzwischen habe sich das Verhältnis zu den deutschen Medien um 180 Grad gedreht. „Das habe ich mit den entsprechenden Leuten geklärt. Ich bin da einfach ruhiger und cooler geworden, das haben die mir auch gesagt.“ Dennoch ist eine gewisse Skepsis geblieben, nicht nur den Journalisten gegenüber. Sie liegt in seinen Blicken, wenn er die Menschen um sich mustert. „Es ist eine Mischung aus Schüchternheit und den schlechten Erfahrungen. Wenn ich Leute neu kennenlerne, schau ich die mir erst genauer an, bevor ich sie an mich heranlasse.“

Hilbert hat viel erreicht: Die Meisterschaft in seiner ersten Bundesligasaison 2006/07, Einsätze für die Nationalmannschaft und in der Champions-League. „Natürlich wäre es schön, wenn noch ein paar Titel hinzukämen.“ Illusionen mache er sich keine. Die Meisterschaft mit Beşiktaş ist zwar möglich, die Mannschaft spielt immer vorne mit. In den drei Jahren, in denen Hilbert nun schon dabei ist, schaffte Beşiktaş es aber nie über Platz drei hinaus. Die Stadtrivalen Galatasaray und Fenerbahçe scheinen derzeit unüberwindbar. „Beşiktaş ist schon ein Top-Klub, aber man muss realistisch bleiben.“ Auch das Thema Nationalmannschaft dürfte sich für ihn erledigt haben. „Der Bundestrainer Löw hat mir gesagt, er meldet sich wieder bei mir. Das ist jetzt fünf Jahre her, gehört hab ich nichts.“

Deutsch, mit einer Prise Türkei

Im familiengerechten Geländewagen geht es vorbei am Inönü-Stadion, von dem ein zehn Meter großer Hilbert mit seinen Teamkameraden heruntergrinst, zurück in den asiatischen Teil der Stadt, wo er mit seiner Familie wohnt. Sein Fahrstil ist deutsch, mit einer Prise Türkei: Er hält an der Ampel, was hier keine Selbstverständlichkeit ist, fährt gelassen und ruhig. Nur einmal geht es ihm zu langsam: er drückt aufs Pedal, zieht über zwei Spuren und beschimpft den Trödler, der im Rückspiegel schrumpft, im Spaß als „Eierkopf“.

Pressetag im Trainingszentrum von Beşiktaş: Der Cheftrainer kehrt der Mannschaft den Rücken zu, um am Spielfeldrand mit den türkischen Journalisten zu plaudern. Hilbert posiert für einen Fotografen und erzählt: „Disziplin ist mir wichtig. Das ist eine der größten Stärken der Deutschen und eine der größten Schwächen der Türken. Man sieht es in der türkischen Nationalmannschaft: Hoch talentierte Spieler, denen es an taktischer Disziplin mangelt. Das fängt schon im Elternhaus an und geht dann im Verein so weiter.“ Während er sich bemüht, fotogen zu lächeln, bolzen seine Kollegen im Hintergrund noch ein paar Bälle aufs Tor und verziehen sich in die Katakomben der Anlage. Der Fotograf ist fertig, packt seine Kamera ein und verlässt das Gelände. Hilbert kehrt auf den leeren Rasen zurück. Er streckt sich, dehnt seine Muskeln und dreht weiter seine Runden auf dem Platz.