Türkisches Hollywood

Elles im Wunderland

Als Ehebrecherin in einer türkischen Soap wurde die deutsche Schauspielerin Wilma Elles ein TV-Star. Seither geht es für die Kölnerin steil bergauf. In der Türkei, sagt sie, werden Träume wahr.

Für Wilma Elles sind in der Türkei Träume wahr geworden.
Foto: Eric Vazzoler
Wilma Elles als blondes Gift am Set mit ihren türkischen Kollegen. Seit drei Jahren spielt sie die Hauptrolle der Carolin in der Serie. Lange Drehtage stören sie nicht. „Es ist genau das, was ich wollte.“
Foto: Eric Vazzoler
Als holländische Ehebrecherin fasziniert Wilma Elles in der türkischen Soap „Öyle bir gecer zaman ki“ („So wie die Zeit vergeht“). Die Serie wurde in über 70 Länder verkauft – darunter Saudi-Arabien, Katar, Libanon, Ägypten und Mali.
Foto: Wilma Elles/KanalD
Zwischen den Drehpausen korrigiert Wilma das Make-up.
Foto: Eric Vazzoler
Die Atmosphäre am Set ist familiär. „Wilma ist eine von uns geworden“, sagt die Regisseurin.
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Von ihrem Apartment aus genießt Wilma einen großzügigen Blick über den Bosporus. Morgens fährt sie auch mal mit dem Boot zur Arbeit. „Ich glaube fest daran, dass alle Träume wahr werden.“
Foto: Eric Vazzoler
Auch in Bulgarien ist Wilma ein Star. Die Dezember-Ausgabe der „Elle“ von 2012 widmete ihr eine mehrseitige Fotostory mit Interview.
Foto: Wilma Elles/Elle
Auf den Titeln türkischer Zeitschriften ist Wilma Elles Dauergast, wie hier beim „Tempo“-Magazin.
Foto: Wilma Elles/Tempo
In dem Film „The End – A Contract with the Devil” spielt Wilma Elles neben Martin Semmelrogge und Christine Kaufmann in einer Hauptrolle Lilly, die verführerische Tochter des Teufels. Der Trash-Streifen wird ab Mitte Juli in den deutschen Kinos zu sehen sein.
Foto: Wilma Elles/TopasAgentur

Mit aufrechtem Gang stolziert Carolin in ihren schwarzen Pumps in die Bank. Eine erhabene Miene soll die Unsicherheit verbergen. Noch schnell den blutroten Lippenstift nachgezogen, den engen Rock ihres Kostüms zurechtgezupft, der blonde Lockenbob sitzt dank ausreichend Haarspray. Heute geht es ums Ganze. Sie will das Geld ihres geliebten Kapitäns Ali Akarsu. Für ihn hat sie ihre Heimat Holland verlassen, um mit ihm in der Türkei zu leben, und dort den Zorn seiner Familie auf sich gezogen. Nun ist er tot und der Streit ums Erbe entbrannt.

„Was soll ich bloß tun“, schluchzt die Schöne vor dem jungen Bankier. „So einfach ist es nicht“, sagt dieser und tätschelt tröstend ihren Arm. Ihre tränengefüllten Augen sehen ihn erwartungsvoll an. Die vertraute Atmosphäre wird vom wütenden Bruder des Kapitäns unterbrochen. „Du wirst das Geld unserer Familie nie bekommen“, schreit er Carolin an. Sie hat schon genug Unheil angerichtet, diese intrigante Schlange. Carolin erhebt sich, sieht ihn herablassend an und spitzt den Mund wie ein Schutzschild, als wolle sie damit sagen: Was willst du jetzt tun?

„Cut!“, ertönt es aus der Ecke. Das rote Kameralämpchen erlischt, Regieassistenten besprechen schnell die aufgenommene Szene, Stylisten steuern mit Kamm und Haarspray auf die Protagonisten zu.

Als die Ehebrecherin fasziniert sie ihre Zuschauer

Carolin und Kemal lächeln sich an. Jetzt sind sie wieder Wilma Elles und Mehmet Gurhan und können über das lachen, worüber sich in der kommenden Woche nahezu 30 Millionen Zuschauer aufregen werden. Sie sind zwei Hauptcharaktere in der türkischen Soap „Öyle bir gecer zaman ki“ („So wie die Zeit vergeht“). Die Rolle der Carolin hat die in Deutschland nahezu unbekannte Schauspielerin Wilma Elles in der Türkei zum Star gemacht. Als blondes Gift fasziniert die 26-Jährige die Fans der Serie, die seit Beginn ihrer Ausstrahlung vor drei Jahren Kultstatus genießt. Denn Carolin macht Sachen, die sich kaum eine türkische Frau herausnehmen darf – als Ehebrecherin spaltet sie ohne Skrupel die Familie ihres Liebhabers und spinnt eine Intrige nach der anderen.

elles_vid_thumb_1„The End – A Contract with the Devil“ – Trailer

Sie ist eine „Helga“ – so wurden in den Sechzigern und Siebzigern die deutschen Neu-Ehefrauen genannt, die ihren Männern in die Türkei folgten und dort ganze Familien spalteten. Während türkische Männer beim Anblick von Carolin in lieblichen Erinnerungen schwelgten, forderten einige Zuschauerinnen zu Beginn der Serie öffentlich Elles’ Ausweisung nach Deutschland. „Meine Mutter hat sich ganze schöne Sorgen um mich gemacht“, sagt Wilma Elles, die heute nur noch darüber lachen kann. Fans strömten an die Drehorte der Istanbuler Straßen, um ihren Stars ganz nahe zu sein. Zu viele, um noch ungestört weiterzuarbeiten. Seit der zweiten Staffel drehen zwei Teams in Kulissen wie das Gelände einer ehemaligen Schuhfabrik, wo sie an diesem Montagmorgen die Bankszene aufnehmen. Jede Woche müssen sie 90 Minuten im Kasten haben.

In flüssigem Türkisch besprechen Wilma Elles und Regisseurin Deniz Koloş Gülçek die Szene. Anfangs hat sie zu ihr auf Englisch gesagt: „Wilma, mehr Dramatik! Jetzt spiel mal nicht zehn, sondern hundert Prozent!“ Im Laufe der Zeit haben sie mehrere Preise gewonnen, für die beste Serie mit der besten Regisseurin und der besten Schauspielerin. Die junge Frau aus Köln besticht schon lange nicht mehr allein durch ihre nordeuropäische Exotik, die langen Beine und ihr Lächeln.

Den Akzent durfte sie behalten – „Ich spiele ja eine Ausländerin“. Abseits des Drehens ist von Fremdheit nichts zu merken. Mittlerweile, sagt die Regisseurin, sei Wilma eine von ihnen geworden. Mittags essen sie zusammen in der Kantine. Der Star Wilma Elles bekommt keine Extrawürste. Es sei denn, sie leistet sie sich selbst so wie ihren persönlichen Assistenten, der ihr in den Pausen die warme Jacke und ihre schwarze Handtasche reicht.

Erst Bollywood, dann Istanbul

Es ist genau das, wovon sie vor drei Jahren noch geträumt hatte. „Das Schicksal hat mich hierher geführt“, sagt Elles. Als sie mal für zwei Monate an der Schauspielschule in Los Angeles Unterricht nahm, die auch Nicole Kidman besucht hatte, war ihr bereits klar, dass sie sich nicht in die lange Schlange hoffnungsvoller Jungschauspieler in Hollywood einreiht. Bollywood sollte es werden. Aber dann war das mit dem Hindi doch zu kompliziert, also studierte sie in Köln lieber Islam- und Politikwissenschaften. Vielleicht würde es irgendwann nach Kairo gehen. Sie war gerade mit der Schauspielschule in Köln fertig, als sie das Angebot für die Rolle der Carolin bekam. Beim Vorsprechen trug sie fehlerfrei ihren Text vor, ohne zu verstehen, was sie sagte. Die Regisseure waren begeistert. Seither reihen sich ihre Erfolge aneinander wie Dominosteine.

„Ich glaube fest daran, dass alle Träume wahr werden“, sagt Wilma einen Tag später in ihrem Apartment über diese glückliche Fügung. Sie schwärmt von Ratgebern, wie man sie klassischerweise in der Besteller-Liste findet. Sie habe alles genauso angewendet, wie es darin beschrieben ist und dann sei es so gekommen, wie sie es wollte. Sie kichert verlegen, als hätte sie ihr Geschäftsgeheimnis verraten – eines, das zu simpel ist, als dass es tatsächlich funktionieren könnte. Denn Wilma hat hart an sich gearbeitet: Rollenangebote für Kinofilme, eine Feng-Shui-Kleiderkollektion mit einer türkischen Modekette à la H&M, Einladungen zu Modenschauen nach Saudi Arabien. Im Februar war sie bei den Grammys in Los Angeles – Jetset, von dem deutsche Serienstars nur träumen können.

„Istanbul ist eine Traumstadt wie es sie in Deutschland einfach nicht gibt. Hier herrscht eine Aufbruchstimmung, die alle euphorisiert“, schwärmt sie. Mit ihrem Kater, der schlicht Kedi (Katze) heißt, hat sie es sich in einem beige-farbenen Sessel gemütlich gemacht. Von dort aus genießt sie einen großzügigen Blick über den Bosporus, der an diesem Tag bei 13 Grad und Regen genauso gut die Hamburger Alster sein könnte.

Die Schauspielerin und der Bauunternehmer

Auf der Terrasse der Villa am Ufer posierte Wilma eben noch fröhlich auf den nassen Bänken. „Vielleicht etwas mehr Grün?“, fragt sie den Fotografen und platziert sich neben einem Zierbusch. Sie spielt gekonnt mit der Kamera, immer wieder nimmt sie ihre Lieblingspose ein. Dann formt sie ihre Lippen zu dem halboffenen Schmollmund. Gern legt sie dabei die Hand an ihr Ohrläppchen. „Man sieht mich doch gar nicht in dieser grauen Kulisse“, sagt sie schließlich. Der Fotograf seufzt. Im kleinen Schwarzen und pflaumenfarbener Samtjacke verschwindet sie in ihrem Apartment. Als sie zehn Minuten später im zitronengelben Kleid zurückkommt, geht die Sonne doch noch auf. Trotz Gänsehaut beginnt sie leise vor sich hinzusummen. Ihre Stimmung wird immer ausgelassener. Ein paar Nachbarn beobachten die Szene amüsiert durchs Fenster.

Ausschnitt aus der Serie „Öyle bir gecer zaman ki“

Im wohlhabenden Stadtteil Yeniköy wohnt sie zusammen mit ihrem Freund Freund Kerem Göğüş, einem erfolgreichen Bauunternehmer. Die Einrichtung ist dezent und lässt nicht wirklich darauf schließen, dass sie erst Ende März eingezogen sind. Im Wandregal stehen ihre Awards, neben der Couch liegen Hanteln. Ein gemeinsames Foto zeigt Wilma und Kerem im Bonny- und Clyde-Stil bei einer Filmpremiere.

Die beiden haben sich vor einem Jahr bei einer Preisverleihung kennengelernt. Optisch erinnern sie an eine türkische Version des einstigen Glamourpaares Tom Cruise und Nicole Kidman. Er ist ein einflussreicher Mann: Wenn es sein muss, kann er auch mal ein unvorteilhaftes Paparazzifoto verschwinden lassen. Immer wieder munkelt die türkische Presse über mögliche Hochzeitspläne der beiden, doch diese wehrt Wilma galant ab. Erst einmal nicht. Kinder möchte sie aber irgendwann unbedingt haben. Als Zweitälteste von fünf Geschwistern weiß sie, wie Großfamilie funktioniert.

Am Bosporus kommt der Fisch gebraten auf den Teller gesprungen

Deutsche und Türken, sagt sie, sind gar nicht so verschieden. Beide pünktlich, beide sehr fleißig, nur sei man hier etwas flexibler als in Almanya. „Wenn du in Deutschland in ein Restaurant gehst und du hättest gern Fisch, obwohl sie keinen Fisch auf der Karte haben, heißt es: Tut uns leid, das geht nicht. In Istanbul sagen sie: Klar, wir besorgen Ihnen Fisch, kein Problem.“

Wie Wilma mit ihrem Kater im Sessel sitzt, erinnert ein wenig an Alice im Wunderland. Bei ihr fängt die Katze zwar nicht an zu sprechen, dafür kommt der Fisch quasi aus dem Bosporus auf ihren Teller gesprungen und zwar gebraten. Wenn sie sich vorstellt, wie sie gern in einem Actionfilm mitwirken würde, ruft auch schon ein Regisseur an. Die Türkei ist ihr Wunderland, doch sie muss nicht mal träumen, damit alles wahr wird. Nur einige wenige Sachen kann ihr das Wunderland nicht geben: die Nähe zu ihrer Familie. Wenn sie aus Deutschland nach Istanbul fliegt, hat sie jedes Mal zwei Dinge im Gepäck: Schwarzbrot und ihre Lieblingszahnpasta.

Ob sie für immer in Istanbul bleiben will, weiß sie trotzdem nicht. Sie könne jeden Ort zu ihrem Zuhause werden lassen. Wenn Hollywood sich doch noch melden sollte, wäre das auch in Ordnung. Da ist sie flexibel. Ebenso verhält es sich mit ihrem Glauben. Sie sieht sich als Schülerin aller Religionen. „Es ist wie mit Fußball – entweder man liebt es oder eben nicht.“ So könne sie auch in einer Moschee beten.

Seit Mitte Juni haben die Intrigen der Carolin ein Ende. Nach drei Staffeln wurde die letzte Folge von „Wie die Zeit vergeht“ abgedreht. Das Gute hat über das Blonde gesiegt. Zukunftssorgen? Wilma lächelt. „Meine Freunde sagen immer: ‚Wilma, mit deiner Energie kannst du Berge versetzen!‘“