Skigebiet „Hohe Rinne“: Defekter Sessellift, leere Piste<br> (Foto: Barbara Opitz)

Skigebiet „Hohe Rinne“: Defekter Sessellift, leere Piste (Foto: Barbara Opitz)

Skifahren in den Karpaten

Aus der Ferne so schön

Urige Hütten, unberührte Natur: Das Skigebiet Hohe Rinne ist immer eine gute Wahl, versprechen siebenbürgische Tourismusveranstalter. Nur 31 Kilometer von Hermannstadt entfernt die Hänge der Karpaten hinunterwedeln, klingt verlockend. Ein Selbstversuch mit Hindernissen.

Von Dominik Drutschmann und Barbara Opitz

Der Blick aus der Hermannstädter Fußgängerzone gen Südwesten erinnert an den Film „Truman Show“; zu unwirklich erscheint die Kulisse. Während man im T-Shirt durch die Innenstadt flaniert, wirken die schneebedeckten Berge der Karpaten wie Pappaufsteller eines Reiseveranstalters.

Bretterverschlag statt uriger Hütten (Foto: Barbara Opitz)

Bretterverschlag statt uriger Hütten (Foto: Barbara Opitz)

„Skifahren, wandern oder einfach nur die großartige Landschaft bewundern, die ,Hohe Rinne‘, der höchstgelegene Luftkurort Rumäniens, ist immer eine gute Wahl“, steht auf der Hermannstädter Homepage. Das Skigebiet „Paltinis“ – wie es im Rumänischen heißt – ist von Hermannstadt nur 31 Kilometer entfernt. Allein die vielen urigen Hütten aus dem 19. Jahrhundert sollen einen Besuch wert sein, heißt es. Schneesicherheit bis Ende April, es ist erst Mitte März. Skifahren in den Karpaten, das klingt so abwegig, dass man es ausprobieren muss.

10.00 Uhr. Der Bus schlängelt sich die steilen Serpentinen hinauf, vorbei an hohen Tannen und Wiesen. Erste Schneereste sind schon am Straßenrand zu sehen. Die Laune steigt. Noch 20 Minuten, dann ist das Ziel erreicht: die Talstation der „Hohen Rinne“ –  laut Reiseführer „ein Spaß für Groß und Klein“.

Der Skiverleih direkt am Lift macht Hoffnung

Der Parkplatz vor der Liftstation ist leer. Lediglich ein verrottender Wohnwagen steht herum, „Kaffee und Glühwein im Angebot“, steht auf Rumänisch in großen Lettern auf der Wohnwagentür. Es muss lange her sein. Die Fenster sind mit Moos bewachsen, die Reifen platt. Niemand ist zu sehen. Vielleicht ist es noch zu früh für rumänische Wintersportler?

„Skifahren, wandern oder einfach nur die großartige Landschaft bewundern, die ,hohe Rinne‘, ist immer eine gute Wahl" – so steht es auf der Hermannstädter Homepage. Zumindest in der Nachsaison ist davon nicht viel zu spüren. Die Talstation ist verwaist, der Parkplatz leer. (Foto: Barbara Opitz)

Immer eine gute Wahl.
(Foto: Barbara Opitz)

Das Skigebiet besteht aus einer menschenleeren Piste und einem Sessellift, der außer Betrieb zu sein scheint. Oberhalb der bröckelnden Betontreppe, die zum Lift führt, sind Stimmen zu hören.  Ein Liftwart mit zwei übereinander gestülpten Wollmützen spricht mit einer Frau in Overall, sie sitzt im Lift und hat die Skier angeschnallt. Der Lift steht immer noch still.  „You want to ski?“, fragt die Frau. „There is a problem.“ Der Lift funktioniere nicht ganz. Ein Mast müsse repariert werden. Und: Eigentlich fahre er erst ab zehn Personen. „Bis jetzt sind es drei“, sagt Elena, so heißt die Frau.

Der Skiverleih direkt am Lift macht Hoffnung. Doch so einfach ist es nicht: Skier? Unmöglich! Der Verleiher sei heute gar nicht erst gekommen. In einem Glaskasten direkt neben dem Lift liegen sie in Reih und Glied, wie Süßigkeiten in der Auslage eines Geschäfts.

Zumindest die Liftsituation entspannt sich: man könnte vielleicht in ein paar Minuten mit dem Reparationsteam hinauf fahren, um die Aussicht zu genießen, ist das Angebot des Liftwarts. Und dann – ohne Ski – hinunterlaufen. Hoch oben, 1400 Höhenmeter über Hermannstadt, gibt es sonst nicht viel zu tun.

Der Sessel rammt in die Kniekehlen, es quietscht. Vom Lift aus schweift der Blick über die Nadelwälder auf die verschneiten Gipfel der Karpaten. Die Sonne scheint, der Schnee glitzert. Nach einigen  Minuten stoppt der Lift. Drei Sessel weiter hantieren Mechaniker in roten Anzügen an einem Mast herum. Bedenklich schwanken die Sessel. Nach einem Rumpeln geht es weiter über die Kuppel.

Mit Turnschuhen durch den schweren Frühjahrsschnee

Oben ist es windig. Von urigen Hütten keine Spur. Nur eine heruntergekommene Bretterbude, an der Frontseite hängt ein verblichenes  Schild, das auf die wichtigsten Pistenregeln hinweist  –  auf Deutsch. „Sachsen“, sagt Elena. „Sie haben den Lift eröffnet, damals, in den Siebzigern.“ Ein kurzes Lächeln, dann fährt sie los.

Kurzer Reparaturstop in luftiger Höhe (Foto: Barbara Opitz)

Kurzer Reparaturstop in luftiger Höhe (Foto: Barbara Opitz)

11.15 Uhr. Mit Turnschuhen geht es wieder abwärts durch den schweren Frühjahrsschnee. Das Gelände ist nicht steil, die Talstation von oben gut zu sehen: ein Steinklotz, umrahmt von türkisfarbenem Stahl. Auf halber Strecke kommt ein Mann mit Skistöcken und  Schneeschuhen die Piste hinauf gewandert. Josef, blond, Seitenscheitel, kommt aus Österreich, lebt seit zehn Jahren in Rumänien und vermisst die Alpen. Elena ist seine Frau. Jede Woche fahren die beiden in die Karpaten. „Die unberührte Natur ist das schönste an Rumänien“, sagt Josef. Doch viele Einheimische hätten keinen Sinn dafür. „Im Sommer, wenn der Schnee weg ist, wird man reich, so viele Plastikflaschen liegen um den Sessellift herum.“

Josef spricht gern von „den Rumänen“ und was sie alles falsch machen. Zumindest einer aber ist ihm ans Herz gewachsen. Er deutet mit der Hand auf das Waldstück neben dem defekten Kinderlift. „Da hockt jeden Winter so ein Kauz im Zelt, ein ehemaliger Fluglotse aus Ceaușescus Zeiten. Er betrinkt sich den ganzen Tag und lacht die Skifahrer aus.“ Josef hat schon einige Abende dort mit ihm Wein getrunken. Ob man sich später noch in der Talstation im „Pub“ treffe, fragt er noch, dann steigt er weiter den Berg hinauf.

12.00 Uhr. Der „Pub“ ist ein langer dunkler Schlauch, an dessen Ende eine schmucklose Theke steht. Neben Spirituosen und Taschentüchern sind auch Chips, Red Bull und Dosenbier  im Angebot. Auf einem Zettel in einer Klarsichtfolie steht das Essensangebot: Sandwichtoast 5 Lei, Hot Dog 4 Lei. Die Toilette funktioniere leider nicht, sagt die wasserstoffblonde Bedienung, winkt aber mit dem Schlüssel und ermutigt, sie dennoch zu benutzen.

Sauerländisches Anfänger-Idyll auf der „Arena Platos“

„Hier sitzen immer alle beieinander“, sagt Josef in den menschenleeren Raum hinein, als er eintrifft. „Alle“ sind an diesem Tag Josef, Elena und die Bedienung. Eine Schande sei das mit dem Lift, sagt Josef. Er kenne die Betreiber, sie ließen alles vergammeln, „fahren lieber nach Paris zum Shoppen, die Rumänen, immer nah am Größenwahn. Willkommen in ,Grandomania‘“. Der Lift sei in katastrophalem Zustand. „Da ist seit 40 Jahren nichts mehr gemacht worden. Lieber Schmiergelder zahlen, als renovieren, so ist das hier.“  Dabei könnte man aus dem Gebiet etwas machen. „Das sieht man ja in der ,Arena Platos‘, sagt Josef. Vor zwei Jahren hat ein ehemaliger Schweizer Snowboardprofi, „Siggi“, nur vier Kilometer von „Paltinis“ entfernt das neue Skigebiet eröffnet.

13.30 Uhr: Der Bus fährt weiter die Serpentinen in Richtung „Arena Platos“. Schon von weitem ist das Wummern der Beats zu hören – Techno der härteren Gangart. Vor dem Zelt gibt es eine Schneebar und Liegestühle, in einem fläzt ein Mittfünfziger, braungebrannt, mit nacktem Oberkörper – die „Mountain-Rescue-Service-Jacke“ lässig herunterhängend. „Come in“, sagt er und weist auf einen roten Fließteppich, der ins Innere des Zeltes führt. Die junge Frau hinter dem Tresen liest Zeitung. „You want to ski“, fragt sie. „No Problem.“ Die passenden Schuhe und Skier sind schnell gefunden. 60 Lei (etwa 12 Euro), kostet die Ausrüstung pro Tag.

Eine Schar von Erstklässlern steht am Lift, die laute Musik scheint sie nicht zu stören. Die Liftteller ziehen jeden Einzelnen träge den flachen Hang hinauf. Verbirgt sich dahinter womöglich das Skigebiet, vielleicht mit schwarzer Piste, Tiefschneehang und Hüttengaudi? Doch oben angekommen, verwandelt sich der alpine Traum schnell in sauerländisches Anfänger-Idyll. Vier Lifte sind im Angebot, von denen zwei geöffnet haben. Sie verlaufen parallel. Der Lift braucht sechs Minuten bis an die höchste Stelle, die Abfahrt dauert genau 22 Sekunden. Die Zehnerkarte ist schnell abgefahren. Eine neue muss nicht sein. Lieber an der Schneebar versacken und den Skitag Skitag sein lassen. Das neue Motto lautet „Après-Ski in den Karpaten“.

15.15 Uhr: Verlassen stehen die Liegestühle im Schneematsch. Die Skischule hat längst Feierabend, nur zwei Spaziergänger haben sich um die Uhrzeit noch hierher verlaufen. Früher als geplant kurvt der Bus in Richtung Hermannstadt zurück. Vor der Stadtgrenze ein letzter Blick über die Schulter: Das Bergpanorama am Horizont wirkt noch immer unecht. Der Drang, noch einmal hochzufahren, ist verschwunden.

Zum Greifen nahe: Die Skier liegen im Glaskasten, ausleihen kann man sie nicht. „You want ski? – There is a problem“. In Rumänien gibt es ein Sprichwort: Es ist kompliziert. Und wenn es nicht kompliziert ist, machen wir es kompliziert. (Foto: Barbara Opitz)
Die Talstation der „Hohen Rinne“ liegt auf 1400 Meter. Das Lifthäuschen versprüht Sowjet-Charme: grauer Schaltpult, graues Telefon, grauer Mann. Es ist ein ruhiger Nachmittag für den Liftwart; genau drei Personen wollen nach oben. (Foto: Dominik Drutschmann)
Der Parkplatz an der „Hohen Rinne“ erinnert an einen Schrottplatz: Ausrangierte Anhänger, aufgebockte Autos im Schnee. (Foto: Dominik Drutschmann)
Der Lift hat schon bessere Zeiten gesehen. Seit mehr als 40 Jahren befördert er Skifahrer nach oben – der Lack ist ab. (Foto: Dominik Drutschmann)
Benutzung auf eigene Gefahr: Während der Fahrt hält der Lift immer mal wieder an. Mechaniker ziehen die Schrauben an den einzelnen Masten nach. (Foto: Dominik Drutschmann)
Josef aus Österreich lebt seit zehn Jahren in Rumänien. Er genießt die Natur, von den Betreibern des Skigebiets hält er wenig: „Die lassen hier alles verkommen.“ (Foto: Barbara Opitz)Neben Hotdogs werden Sandwich-Toasts serviert – das war's. Das Brot ist hart, die Wurst lauwarm. Essen sollte man lieber nach dem Skifahren in Hermannstadt. (Foto: Dominik Drutschmann)
Zehn Minuten von der „Hohen Rinne“ entfernt, liegt das neue Skigebiet „Arena Platos“. Das Gebiet, das vor zwei Jahren eröffnet wurde, bietet einen Skiverleih und Dauerbeschallung auf der Piste. (Foto: Barbara Opitz)