Johann Grommes holt seine alte Trompete
aus Jakobsdorf aus dem Schrank
(Fotos: Nancy Waldmann)

Nach dem Exodus

Das Ende vom Lied

Für die Siebenbürger Sachsen gab es kein Halten mehr, als 1990 die Tür in den Westen aufging und die Bundesrepublik mit Pässen winkte. Wer nicht schon da war, brach auf ins gelobte Land. Ihre Höfe übernahmen Zigeuner und Rumänen. Zu Besuch bei alten und neuen Jakobsdorfern.

Von Nancy Waldmann

Wenn Johann Grommes durch den Fensterschacht seiner Kellerwohnung nach oben schaut, sieht er noch ein Stück Himmel über Gönningen, einem kleinen Dorf am Fuße der schwäbischen Alb. Die Hügel ähneln der Landschaft in Grommes´ siebenbürgischer Heimat Jakobsdorf, die er vor 22 Jahren verlassen hat. Grommes ist 84, er hat weißes Haar und die Farbe eines Bauern – sonnengegerbt, windgepeitscht. Sein Leben lang hat Grommes auf dem Feld und im Stall gearbeitet – jetzt lebt er im Haus seiner Tochter, einem Eigenheim, das eine Schallschutzmauer von der Straße trennt. Grommes’ Wohnung hat gefliesten Boden und eine vertäfelte Decke. Es gibt ein WC und immer fließend warmes Wasser – so etwas hatte Grommes in Jakobsdorf nicht.

Dort war Grommes Besitzer eines Bauernhofs. Wenn er aus dem Fenster schaute, sah er seine Hühner im Hof, auf der Straße fuhren die Pferdekarren vorbei. Obwohl es den Namen Grommes einst auf 16 Jakobsdörfer Höfen gab, ist der alte Grommeshof Nr. 226 oam neederschten Oind (am untersten Ende), wie die Sachsen die Seite jenseits des Baches nannten, leicht zu finden. Die rumänischen Nachbarn erinnern sich gut an Familie Grommes und weisen den Weg. Hinter einem Aluminiumtor bellen drei wuschelige Hirtenhunde auf. Der Hof gehört jetzt Sabin und Dominika Burdeţ. Sie tragen Wollmützen und haben kräftige Hände, denen man ansieht, dass sie jeden Tag ihre sieben Kühe ohne Maschine melken.

Dicke Weinstöcke überragen die Einfahrt hinter dem Tor. Das kleine Haus rechterhand, wo Grommes’ Onkel einmal seine Schneiderwerkstatt hatte, steht noch, auch der Stall, die Scheune und das Plumpsklo. Der Verschlag für die Schafe ist neu. Als die Burdeţs den Grommeshof erwarben, war das Wohnhaus schon marode. Um die Abrissgenehmigung für das denkmalgeschützte Haus von 1871 zu bezahlen, mussten Burdeţs fünf Kühe verkaufen. Auf den alten Grundriss bauten sie in eigener Arbeit ein neues Haus, in dem jetzt orthodoxe Ikonen an der Wand hängen. In Grommes’ altem Haus waren es Stickereien mit Versen aus der Hymne der Sachsen: „Siebenbürgen Süße Heimat“. Burdeţs Haus hat einen Balkon zur Straße hin, aber keinen Keller. „Als Bauer brauchst du doch einen Keller“, sagte ihm Johann Grommes, als er einmal auf einen Besuch vorbeikam. Aber Burdeţ hatte schon 16 Kühe für Baumaterial verkauft. Für einen Keller war kein Geld mehr da.

Mitgegangen, nicht rausgekommen

Am 21. März 1990, einem Mittwoch, ist Grommes nach Deutschland eingereist. Das Datum weiß er ohne zu überlegen, als hätte an jenem Tag eine neue Zeitrechnung begonnen. „Rausgekommen“, so sagen die Sachsen lapidar zu ihrer Auswanderung. Grommes wollte eigentlich nie raus aus Jakobsdorf. Er mochte seine Arbeit auf der Staatsfarm, er war künstlicher Besamer. Er mochte seine Dorfkapelle, wo er die Trompete blies. Er ging nach Deutschland, weil die anderen auch gingen. Johann Grommes ist einer, der immer mitging. Er ging als Pimpf in die Hitlerjugend, während sein Vater Ortsgruppenleiter der nationalsozialistischen Partei war. Dafür schämt sich der Sohn bis heute. Grommes war 17, als er zur Zwangsarbeit in die Ukraine verschleppt wurde, wie so viele Rumäniendeutsche nach Kriegsende 1945.

Die heutigen Bewohner des Grommeshofs Dominika und Sabin Burdeţ vor dem neu gebauten Haus

Die heutigen Bewohner des Grommeshofs Dominika und Sabin Burdeţ vor dem neu gebauten Haus

Als Grommes mit 22 nach Jakobsdorf zurückkam, wohnten Zigeuner in den Häusern der Sachsen. Sieben Jahre zuvor hatte man die Sachsen enteignet und die Zigeuner auf ihre Höfe einquartiert. Grommes ging Mitte der fünfziger Jahre mit, als die Bürgermeisterin die Freiwillige Feuerwehr anwies, die Zigeuner wieder aus den Häusern der Sachsen zu werfen. Damit stellten sie zumindest einen Teil der Jakobsdorfer Welt wieder her, die Krieg und Kommunismus aus den Fugen gebracht hatten. Grommes ging wie jeder Sachse in die Kirche, und er trat auch in die Kommunistische Partei ein. Weniger aus Überzeugung, sondern um Vorteile zu haben. Er bekam eine bessere Arbeit auf der Staatsfarm.

Johann Grommes kam im März 1990 eigentlich nur zu Besuch nach Deutschland, um eine Erbschaft zu regeln. Erst dort entschied er, zu bleiben. Seiner Frau zuliebe. Sie war schwerkrank, Krebs. In Kronstadt, wo sie Bestrahlung bekam, ging ständig die Maschine kaputt, in Deutschland erhofften sie sich bessere Behandlungsmöglichkeiten. Drei Monate nach seiner Ausreise holte er sie mit dem Auto in Jakobsdorf ab. Sieben Monate später starb sie. Als er im Sommer darauf nach Jakobsdorf fuhr, um Holz für seine Schwiegereltern zu hacken, fiel Grommes die Decke auf den Kopf. „Nach einer Woche wusste ich nicht, was ich da noch machen sollte. In Jakobsdorf war nicht mehr viel los“, sagt Grommes. Alle waren ausgereist oder besorgten gerade die Papiere dafür. Grommes fuhr zurück nach Süddeutschland und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, Essen austeilen im Asylbewerberheim, Rasen mähen. Seine Rente war klein.

Jakobsdorfer Wein verpflanzt

Grommes’ Hof in Jakobsdorf verfiel und er war froh als er ihn verkauft hatte. „Das Haus war schon schlecht. Meinem Sohn wollte ich es überschreiben, aber der sagte: was soll ich damit?“ Auch er war längst in Deutschland. Der neue Eigentümer von Jakobsdorf Nr. 226 war ein Lehrer aus der nächsten Stadt, Agnetheln. Grommes wähnte das Haus in guten Händen. Doch der neue Besitzer verhökerte den verbliebenen Hausrat, ließ aber das Haus verfallen und verkaufte es schließlich wieder. Grommes’ Tochter empörte das sehr.

Der Hof Nr. 226 zu Zeiten von Familie Grommes

Der Hof Nr. 226 zu Zeiten von Familie Grommes

In seinem Haus in Gönningen erinnert nur noch wenig an Siebenbürgen: die Weinreben vor dem Haus, die sein Schwiegersohn aus Jakobsdorf hierher verpflanzte, eine Zeichnung vom Pfarrhof, die im Flur bei seiner Tochter Erika hängt und eine Uhr vom Dracula-Schloss Bran. Die Stickereien, auf denen „Siebenbürgen Süße Heimat“ steht, liegen im Schrank, sie passen nicht zur Einrichtung, findet Grommes’ Tochter Erika. Sie stickt ihrem Mann gerade ein neues Trachtenhemd für das nächste Treffen der ausgewanderten Jakobsdorfer. „Das ist meine Entspannung“, sagt Erika. Einmal im Jahr fahren sie zu Besuch nach Siebenbürgen. Wenn sie nach Jakobsdorf kommen, um alte Freunde und Nachbarn zu besuchen, sind sie schockiert darüber, was aus ihrem Ort geworden ist. „Die Zigeuner haben sich sehr vermehrt“, sagen sie. Häuser und Land würden verkommen. Früher unter den Sachsen habe es viel gepflegter ausgesehen.

Zigeuner haben das Sagen

Iacobeni, so heißt Jakobsdorf auf Rumänisch, hat eine Digitalanzeige vor dem Rathaus, 18 Grad Celsius leuchten rot. Schulkinder tollen in der Mittagspause auf dem Dorfplatz herum, satte Enten laufen zum Bach über die staubige Straße, die bis heute nicht asphaltiert ist. Selten kommen ein Auto oder ein Pferdewagen vorbei. Die Schule ist neu, die Europäische Union gab Geld dafür. Die Fensterscheiben der alten deutschen Schule sind zerschlagen, der Pfarrhof daneben und die Kirchenburg verwaisen.

Die Hauptstraße in Jakobsdorf, die sogenannte Sonnenseite

Die Hauptstraße in Jakobsdorf, die sogenannte Sonnenseite

Jakobsdorf zählt heute und seit jeher um die 900 Seelen. Vor dem Krieg lebten hier 783 Siebenbürger Sachsen. Heute sind es noch zwei alte Männer. Der Letzte, Wilhelm Böm, ist mit einer Rumänin verheiratet und pflegt den Vorletzten, Johann Schuff, der bettlägerig ist. Er wirft den Ausgewanderten vor, sie seien Verräter. In die Häuser der wohlhabenden Sachsen sind Rumänen und Zigeuner eingezogen – oft diejenigen, die früher am Rand des Dorfes gewohnt hatten. Auch im Bürgermeistersessel von Jakobsdorf sitzt ein Zigeuner. Einer, der studiert hat. Vor der Revolution wäre das undenkbar gewesen, denn Rumänen hatten das Sagen. „Die Zigeuner hat man immer für Menschen dritter Klasse gehalten, aber das war falsch“, sagt Johann Grommes.

Die Jakobsdorfer sind nicht mehr dieselben, aber das Dorf tickt ähnlich wie früher. Jede ethnische Gruppe bleibt für sich. Als Rumäne wohnt man am unteren Lauf des Baches und hält sich für etwas Besseres als die Zigeuner. Viele Zigeuner gehen wie die Rumänen zur orthodoxen Kirche, aber einen Friedhof hat jede Gruppe für sich.

Abgrenzung nach dem Vorbild der Sachsen

„Hätte ich damals nur gewusst, dass so viele Zigeuner ins Dorfinnere ziehen, hätte ich mir überlegt, ob ich hier baue!“, sagt Sabin Burdeţ. Manchmal sehnen er und seine Frau sich nach Bistritz in Nordsiebenbürgen, von dort kommen sie her. Über die Zigeuner kann Burdeţ nur zetern, die seien faul, würden stehlen, würden die Bäume verheizen statt das Obst zu ernten. Darin würde er sich gut mit Grommes´ Tochter Erika und seinem Schwiegersohn verstehen.

Johann Grommes und seine Tochter Erika beim Betrachten von Bildern aus Jakobsdorf

Johann Grommes und seine Tochter Erika beim Betrachten von Bildern aus Jakobsdorf

Burdeţ findet, dass sich die Sachsen und die Zigeuner auf eine gewisse Art ähnlich seien. „Beide sind sehr stolz. Sie lassen keinen rein.“ Tatsächlich lassen auch die 48 Rumänen im Dorf keinen rein. Nach dem Vorbild der Sachsen haben sie sich zu einer Nachbarschaft verbündet, in die Zigeuner nicht reinkommen. Man hilft sich gegenseitig beim Hausbau, zahlt Beerdigungen gemeinsam und feiert Feste. Vier sächsische Nachbarschaften gab es früher, das Regime war nach protestantischer Art streng. Woche für Woche mussten die Männer zum Nachbarschaftsvater kommen und um „Verzeihung bitten“, egal ob etwas vorgefallen war. Wer bei einem Arbeitseinsatz nicht erschien, zahlte Strafe.

Mischehen sind in der rumänischen Nachbarschaft genauso geächtet, wie früher bei den Sachsen. Gilu, ein junger Zigeuner, der abends sein Bier in der Dorfkneipe trinkt, kann ein Lied davon singen. Seine Frau ist Rumänin. Wie Rumänen und Zigeunern zueinander stehen? Er antwortet mit einer eindeutigen Geste: die Rumänen „hier“ – er hält die flache Hand oben, die Zigeuner „hier“ – er hält die Hand nach unten.

Die Trompete im Schrank

Erika und ihr Mann fahren im Sommer wieder nach Siebenbürgen. Diesmal wollen sie unbedingt schauen, was aus ihrem alten Hof geworden ist, auf dem sie seit 20 Jahren nicht waren. Erika ist gespannt. Ihr Vater wird nicht mitfahren. Seine Schwester, die in Rumänien lebte, ist kürzlich gestorben. Er hat keinen Grund mehr.

Grommes kramt im Schrank. Er findet ein paar Fotos von früher und seine alte Trompete. Sie liegt tief, er muss sie erst auswickeln aus luftgepolsterter Folie und den Klebestreifen aufreißen. Für 233 Jakobsdorfer hat er damit das Requiem gespielt, das hat er sich vom Pfarrer vor seiner Ausreise nach Deutschland versichern lassen. „Ich bin hier nie heimisch geworden“, sagt der alte Mann. Er bläst in die Trompete, aber es kommt kein Ton mehr raus.