Das Restaurant „Hermania“ steht für deutsche Kultur in Hermannstadt (Foto: Undine Zimmer)

Das Restaurant „Hermania“ steht für deutsche Kultur in Hermannstadt (Foto: Undine Zimmer)

Deutsch in Hermannstadt

Das Erbe der Immersachsen

Über viele Jahrhunderte hat die Minderheit der Sachsen Siebenbürgen kulturell und wirtschaftlich geprägt. Die Sachsen werden immer weniger, bei den Rumänen dagegen werden die deutsche Sprache und die sächsische Kultur immer beliebter.

Von Undine Zimmer

Wiener Melange in Hermannstadt. An einem der Bistrotische sitzt ein  junges Paar, spricht über den neuesten Bürotratsch und den kommenden Geschäftsurlaub in Bukarest. Sie unterhalten sich auf Deutsch. Das ist hier gar nichts Ungewöhnliches. Die deutsche Sprache hat eine lange Tradition in Siebenbürgen. Denn wer Deutsch spricht, hat gute Zukunftsperspektiven.

Manche bekommen schon ab der ersten Klasse Nachhilfe auf Deutsch (Foto: Undine Zimmer)

Manche bekommen schon ab der ersten Klasse Nachhilfe auf Deutsch (Foto: Undine Zimmer)

Kindergärten und Schulen, in denen ab der ersten Klasse auf Deutsch unterrichtet wird, sind bei den Rumänen sehr beliebt. Wer es sich leisten kann, bringt sein Kind zur Nachhilfe, bei einer Studentin, die Deutsch spricht. Lehrer und Kindergärtner sind nur noch selten Sachsen, sondern  Rumänen, die Deutsch als Zweitsprache beherrschen.

In Hermannstadt lässt sich der kulturelle Einfluss der Sachsen bei einem Stadtrundgang an den Gebäuden ablesen. Die ältesten und auffälligsten Bauwerke im historischen Zentrum von Hermannstadt wurden von den Siebenbürger Sachsen erbaut. Im Zentrum der Stadt ruht wie ein sandgelber Riese die evangelische Stadtkirche im frühgotischen Stil. Gegenüber steht das deutsche Samuel-von-Brukenthal-Gymnasium. Schon im 13. Jahrhundert soll an dieser Stelle eine Schule der Sachsen gestanden haben.

Ein paar Schritte weiter liegt der größte von drei Marktplätzen im Zentrum, Piata Mare – der große Ring. Ein leuchtend orangefarben angestrichenes Haus fällt sofort ins Auge. Es ist das Forum der Deutschen in Rumänien (DFDR), das die Interessen der Siebenbürger Sachsen vertritt. Eigentlich ist auch das goldgelbe Rathaus, schräg gegenüber vom Deutschen Forum, eine sächsische Institution: Bürgermeister Klaus Johannis ist ebenfalls Siebenbürger Sachse. In ganz Siebenbürgen zeugen bis heute 150 Kirchenburgen von der Schaffenskraft der Sachsen.

Immersachsen und Sommersachsen

Die Evangelische Kirche ist noch immer ein wichtiger Treffpunkt der Siebenbürger Sachsen. Von den etwa 200 Gläubigen, die sonntags zum deutschen Gottesdienst kommen, haben die meisten graue Haare. Die Sachsen sterben aus, hört man von allen Seiten. Die meisten Rumänien-Deutschen sind nach der Wende ausgewandert, kommen höchstens noch im Sommer in ihre ehemalige Heimat. Das sind die „Sommersachsen“ sagt eine Mitarbeiterin des Deutschen Forums.

Ins Café Erasmus geht der Rumäne Daniel Dantes, um deutsche Literatur zu studieren und sich zu unterhalten (Foto: Undine Zimmer)

Ins Café Erasmus geht der Rumäne Daniel Dantes, um deutsche Literatur zu studieren und sich zu unterhalten (Foto: Undine Zimmer)

Geblieben sind die Alten. In der Region leben heute laut dem Verband der Siebenbürger Sachsen noch 16.000 von ihnen. Die Sachsen sehen sich als Deutsche, auch wenn ihre Staatszugehörigkeit rumänisch ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1956 hatten die Sachsen nicht die gleichen Rechte wie die Rumänen.

In Hermannstadt wurden bei der letzten Volkszählung 1500 Sachsen gezählt. Registriert wird nur, wer sich bei der Befragung selbst als Sachse bezeichnet. Das machen nicht alle, die es könnten. Manche der jungen Sachsen sprechen nicht einmal mehr Deutsch. Deswegen benutzt die Evangelische Kirche seit ein paar Jahren ein zweisprachiges Gesangsbuch, Deutsch-Rumänisch. „Bei jeder Konfirmation ist mittlerweile mindestens einer dabei, für den wir übersetzen müssen“, sagt Pfarrer Georg Junesch.

Ein paar Ecken weiter sortiert Jens Kielhorn die neuesten Bestseller in die Regale des Erasmus-Büchercafés. Sein Laden ist eine Anlaufstelle für Liebhaber der deutschsprachigen Literatur, Schüler und Zugezogene. In Hermannstadt gibt es gleich zwei solcher Buchläden mit deutschen Büchern und Zeitschriften.

Die Sachsen sterben aus, die deutsche Sprache lebt

Selbst im Herzen Transsylvaniens, in staubigen Dörfern, die nachts kaum ein Licht beleuchtet, kann es einem passieren, dass man rumänische Jugendliche trifft, die fließend Deutsch sprechen. Auf dem Land, wo viele davon leben, in ihren Gärten die eigenen Gurken, Kartoffeln und Kohlköpfe zu ziehen, wissen die Eltern: Wer seinem Kind den Weg für eine vielversprechende Karriere ebnen will, möglichst bei einem der großen deutschen Arbeitgeber der Region, wie Continental, Bosch oder Lindner, schickt es so früh wie möglich auf eine deutsche Schule. Oder am besten schon in einen deutschen Kindergarten, wenn es sein muss, in die nächstgrößere Stadt.

Wer fleißig Deutsch lernt, wird belohnt (Foto: Undine Zimmer)

Gerold Hermann ist Siebenbürger Sachse und Schulleiter der Brukenthal-Schule in Hermannstadt, die Grundschule und Gymnasium zugleich ist. Er nimmt jedes Jahr etwas mehr Schüler auf als eigentlich vorgesehen. Damit der Platz reicht, werden die Klassenstufen in Schichten unterrichtet. Die ersten Schüler haben um acht Uhr Unterricht, die letzten verlassen das Schulgebäude erst um 20 Uhr. Ungefähr die Hälfte der Bewerber muss er ablehnen. Die Brukenthal-Schule gilt als Eliteschule. Doch wer es, mit der Hilfe gutverdienender und besorgter Eltern, hierher geschafft hat, braucht sich um seine Zukunft kaum Sorgen zu machen. „Wir bekommen die besten und die motiviertesten Schüler“, sagt Gerold Hermann. „Ich kenne keinen unserer Abiturienten, der keine Arbeit hat.“

Die Brukenthal-Schule ist die einzige deutsche Schule, an der noch sechs bis sieben Fächer auf Deutsch unterrichtet werden können. Bei den geringen Löhnen ist es schwer, überhaupt Lehrer zu finden, noch schwerer, welche, die auf Deutsch unterrichten können. Deswegen werden bestimmte Fächer auch auf Rumänisch gelehrt. Früher waren es ausschließlich Siebenbürger Sachsen, die an den deutschen Schulen unter sich blieben. Nach der Wende warteten viele Eltern nicht darauf, dass das Schuljahr zu Ende ging und wanderten aus. Daran kann sich Gerold Hermann noch erinnern „Nach dem Sommer konnten wir aus drei Klassen eine machen.“ Heute gehören nur noch fünf Prozent der Schüler zur deutschen Minderheit.

Die Evangelische Kirche

Die Evangelische Kirche

Der Pfarrer

Siebenbürger Sachse zu sein und zur Evangelischen Kirche zu gehören, ist eins, sagt Pfarrer Georg Junesch. Die ehemals größte Institution der Siebenbürger Sachsen ist nach der Wende drastisch geschrumpft. Heute hat die Gemeinde cirka 200 Mitglieder und ist immer noch Treffpunkt der Sachsen.

Die Deutsche Abteilung im Nationaltheater Radu Stanca

Die Deutsche Abteilung im Nationaltheater Radu Stanca

Der falsche Sachse

Wolfgang Handler ist seit 2009 Schauspieler der deutschen Abteilung des rumänischen Nationaltheaters in Hermannstadt. Der gebürtige Österreicher freut sich darüber, dass deutschsprachige Stücke gerade bei den jungen Rumänen immer beliebter werden.

Samuel von Brukenthal Gymnasium

Samuel von Brukenthal Gymnasium

Die Eliteschule

Das „Samuel von Brukenthal Gymnasium“ in Hermannstadt ist die letzte Schule, an der hauptsächlich auf Deutsch unterrichtet wird. Schulleiter Gerold Hermann weiß, dass Eltern froh sind, wenn es ihre Kinder auf seine Schule schaffen. Für den Lehrer Friedrich Philippi ist  sie ein Stück Heimat.

Sächsische Traditionen sind wieder beliebt

Nicht nur die deutsche Sprache, auch die Traditionen der Sachsen leben weiter: Volkstänze, Feste wie der Marien- und der Katharinenball,  Trachten und Speisen. An manchen Orten sind es Rumänen, die alte sächsische Bräuche wiederbeleben und weiterführen. In der  Stadt Agnetheln (auf Rumänisch: Agnita) wird seit ein paar Jahren die Vertreibung des Winters nach sächsischem Brauch gefeiert, mit Peitschen, Schellen und düsteren Masken. In der sächsischen Volkstanzgruppe Hermannstadt tanzen überwiegend die rumänischen Schüler der Brukenthal-Schule und die rumänischen Studenten der germanistischen Fakultät der Universität.

An der deutschen Abteilung des Hermannstädter Nationaltheaters Radu Stanca gibt es laut Abteilungsleiterin Anna Neamtu keine Sachsen mehr. Auf der Bühne stehen Rumänen oder deutschsprachige Einwanderer. Mindestens einmal in der Woche wird auf Deutsch gespielt, vor 100 bis 150 Zuschauern. Bei einer Vorstellung von „Shakespeares sämtliche Werke, leicht gekürzt“ war der Saal vor kurzem voll besetzt. Im Publikum: überwiegend junge Rumänen.