Land so weit das Auge reicht: Stefan Jung, Geschäftsführer von Karpatenmeat, stehen 4000 Hektar Weide- und Ackerland zur Verfügung (Fotos: Lena Müssigmann)

Land so weit das Auge reicht: Stefan Jung, Geschäftsführer von Karpatenmeat,
stehen 4000 Hektar Weide- und Ackerland zur Verfügung
(Fotos: Lena Müssigmann)

Landwirtschaft

Das liebe Vieh

Rumänischer Ackerboden ist konkurrenzlos billig. Ausländische Investoren haben längst zugegriffen und beackern ihre Felder mit modernstem Gerät. Tausende Kleinbauern pflügen ihre Felder noch mit dem Gaul und leben am Existenzminimum. Ein Besuch bei ungleichen Kollegen.

Von Lena Müssigmann

Udo Roth sitzt auf einem Leiterwagen, den sein Gaul über die ungeteerte Dorfstraße von Malmkrog zieht. Roth ist Kleinbauer, 37 Jahre alt, ein Siebenbürger Sachse. Ein stämmiger Typ mit schwarz-grauer Igelfrisur. Er hat 17 Milchkühe im Stall. Zwischen seinen Füßen steht eine Milchkanne. Er hebt den Deckel leicht an. „25 Liter“, schätzt er. Sein Melkhelfer Alin lenkt den Wagen zu einem kleinen Häuschen, aus dem Licht in die Dämmerung fällt. In der Milchsammelstelle schütten die beiden die Ausbeute des Abends in einen Edelstahl-Tank. Später wird ein Tanklaster im Auftrag der deutschen Firma Hochland kommen und die Milch abholen, für 28 Cent pro Liter. Für Roth, der sich schon zu den größeren Bauern von Malmkrog zählt, macht das sieben Euro. Wenn er Alin für seine Arbeit bezahlt hat, bleiben 4,50 Euro und Udo Roths Hoffnung auf den Sommer. Dann geben seine Kühe bis zu viermal so viel Milch.

Stefan Jung, Geschäftsführer von Karpatenmeat, fährt „offroad“ durch die Hügellandschaft, auf der im Sommer seine Angusrinder grasen. (Fotos: Lena Müssigmann)

Edle Rinder, arme Bauern

Gut 70 holprige Straßenkilometer entfernt biegt der Schweizer Stefan Jung, ebenfalls 37 Jahre alt, mit seinem Pickup von der Landstraße ab. Er ist einer der beiden Geschäftsführer der Firma Karpatenmeat und spekuliert auf den Untergang von Milchbauern wie Udo Roth. „Jetzt geht‘s offroad“, kündigt er eine Strecke an, die es in sich hat. Er fährt über Stock und Stein, scheucht dabei ein Rudel Rehe auf und hält schließlich auf einem Hügel inmitten von verlassenem Grasland. Seine Ländereien.

Insgesamt 4000 Hektar Weide- und Ackerland hat Karpatenmeat gekauft oder gepachtet. Eine Fläche von gut sechs mal sechs Kilometern. Im Tal heben sich die grünen Dächer seiner Angusrinder-Farm von der dürren Landschaft ab. Bisher hält er 1300 Rinder. „Fleischproduktion“, sagt Jung, ist die Geschäftsidee. Ein Schlachthof ist in Planung. Damit der sich rentiert, muss er die Zahl der Tiere aber noch deutlich steigern.

Todesurteil für Milchviehbetriebe

Um das zu erreichen, will er sich die einstigen Milchkühe zunutze machen: Karpatenmeat will den einstigen Milchbauern Angusbullen oder deren Sperma verkaufen, um die Milchkühe zu decken. Die Firma garantiert den Rückkauf der jungen Kälber. „Wir wollen den Bauern, für die sich die Milchviehhaltung nicht mehr lohnt, Optionen geben“, erklärt er. Das Fleisch gekreuzter Tiere werde in vielen Ländern als Angusfleisch verkauft. „In zehn Jahren müssen hier im Harbachtal auf jedem Hügel Angus stehen. Das ist das Ziel.“

Die Milchviehhöfe auf dem Land werden aussterben, glaubt Jung. „Den kleinen und mittleren Betrieben, die die Hygienevorschriften der EU nicht erfüllen, wird die Milch nicht mehr abgenommen“, raunt er. „Das ist auch richtig so, dass das mal ein bisschen Ordnung annimmt.“ Und die Erfolgsaussichten für den Plan von Karpatenmeat sind gut: In Malmkrog gab es einst 2000 Milchkühe, heute sind es vielleicht noch 200, wie Kleinbauer Roth erzählt.

Die rumänischen Landwirte haben kaum eine Chance. Seit dem EU-Beitritt konkurrieren sie auf demselben Markt mit Agrar-Riesen wie Karpatenmeat, die mit viel Know-how und riesigen Traktoren in ein Land gezogen sind, in dem die Bauern ihre schmalen Felder noch mit Harke und Pferdepflug bewirtschaften. Seitdem steigt der Bodenpreis. Hinzu kommen verschärfte EU-Vorschriften, besonders in der Tierhaltung. Nach fünf Jahren EU geht in Rumänien die Euphorie verloren, mit der einst der Beitritt gefeiert wurde.

Bei Subventionen wird gemauschelt

Der rumänische Landwirtschaftsminister Stelian Fuia (Anm.: seit Anfang Mai 2012 wegen des Regierungssturzes nicht mehr Amt) versuchte, den rumänischen Bauern Schützenhilfe im Kampf gegen Goliath zu leisten. Er forderte, dass die EU bei der Zahlung von Subventionen keine regionalen Unterschiede mehr macht und dem Bauern in Rumänien so viel pro Hektar zahlt wie etwa in Deutschland. Damit konnte er bei seinen Landsleuten punkten.

Kleinbauer Udo Roth liefert die magere Ausbeute des Abends in der Milchsammelstelle von Malmkrog ab

Kleinbauer Udo Roth liefert die magere Ausbeute des Abends in der Milchsammelstelle von Malmkrog ab

„Hier kostet der Diesel auch 1,50 Euro. Dafür muss ich sechs Liter Milch verkaufen“, klagt Roth. Er verdient mit seinem Milchvieh so wenig, dass er nicht einmal seine Kosten decken kann. Von der EU erhält er etwa 3500 Euro Unterstützung im Jahr. So komme er wenigstens auf null raus. Den Lebensunterhalt für sich, seine Frau und die drei kleinen Kinder bestreitet er mit anderen Geschäften, von denen er nichts erzählen will.

Die EU-Kommission will die Direktzahlungen zwar für den Zeitraum 2014 bis 2020 fairer gestalten und strebt eine Umverteilung zwischen Mitgliedstaaten an. Roger Waite, Sprecher des EU-Agrarkommissars Dacian Ciolos, gibt aber zu bedenken, dass die Kosten der Landwirte, zum Beispiel der Arbeitslohn, in Rumänien viel niedriger sind. Eine freundliche Absage.

Es ist nicht unbedingt die Höhe der Subventionen, sondern die Art, wie sie vergeben werden, was an der Basis Ärger auslöst. Es werde gemauschelt und bestochen, sagt Roth. „Manche Bauern haben ihre Tiere schon seit fünf Jahren verkauft und streichen immer noch Subventionen ein. Der Tierarzt, der Hund, der bescheinigt dir mehr Tiere, wenn du dich mit ihm gut stellst.“ Auch Jung schüttelt bei diesem Thema nur den Kopf. „Die Landwirtschaft wird gefördert, aber ohne Strategie.“ Er berichtet, dass der Bau von Schlachthöfen gefördert wurde, die heute leer stehen, weil sie gar nicht gebraucht wurden.

Melkmaschine kaputt, Strohlager eingestürzt

Auch Karpatenmeat bezieht EU-Förderung, dabei hat die Firma ein dickes Finanzpolster. Geldgeber des Projekts sind Schweizer Investoren um den ehemaligen Banker Theo Häni. Sich und seinen Partnern verspricht er davon Renditen – in der Zukunft. „Bisher konnte noch nichts ausgeschüttet werden“, sagt Jung.

Die Schweizer haben Siebenbürgen überschätzt. „Wir dachten, die Bauern hier wissen, wie man das Vieh hält. Aber sie wissen es nicht.“ In Seminaren will er den einheimischen Bauern jetzt erklären: „Was muss ich mit den Kälbern machen, wann muss ich den Bullen zu den Kühen lassen, und, und, und…“

Bauer Roth hält von so einer Zusammenarbeit nichts. Er fährt mit der Hand durch die Abendluft. „Pfff. Wenn ich 2000 Euro für so einen Bullen zahlen muss, da lass ich es doch lieber sein.“ Denn an Geld zu kommen, ist für Bauern wie ihn schwierig. Die Kreditzinsen liegen bei rund 17 Prozent.

Udo Roth öffnet das unauffällige Tor in einem mehr als mannshohen Lattenzaun. Dahinter liegt sein Kuhstall. „Hier sieht’s aus…“, sagt er entschuldigend. Auf dem Vorplatz liegen lange Holzbalken wie riesige Mikadostäbe. „Im Winter ist mir hier das Strohlager unter der Schneelast zusammengebrochen“, sagt Roth. Über knirschenden Kies geht er zum Stall. Im schwachen Licht stehen die Kühe, Leib an Leib. „Eigentlich haben wir eine Melkmaschine, aber die ist im Moment kaputt“, sagt Roth. „Ich sag´ ja, wenn jetzt noch eine Kuh krank wird…“ Er winkt ab.

Ein weiteres Problem droht den rumänischen Kleinbauern: Ab 2014 ist Rumänien verpflichtet, den Bodenmarkt zu öffnen, wie es in den Beitrittsverhandlungen festgelegt wurde. Bisher konnten Nicht-Rumänen nur über eine Firmengründung im Land Grund und Boden kaufen. In der Öffnung sieht der rumänische Bauernverband ein Einfallstor für noch mehr ausländische Investoren. Doch in Brüssel heißt es: „Die Übergangsfrist läuft am 31. Dezember 2013 aus.“ Punkt.

Rumänien hofft auf junge Bauern

Um den kaufkräftigen Ausländern zuvorzukommen, zog Landwirtschaftsminister Stelian Fuia die Gründung einer Bodenbank in Betracht. Sein Ministerium wollte außerdem ein Gesetz auf den Weg bringen, das Käufer von Ackerland dazu verpflichtet, es auch zu bewirtschaften. Bodenspekulanten will man um jeden Preis abhalten.

Jung versteht nicht, dass sich Rumänien gegen ausländische Investoren wehrt. „Der Rumäne ist im Moment gar nicht im Stande, selbst das Land zu bearbeiten.“ Ideen für die rumänische Landwirtschaft zu entwickeln, traut der Karpatenmeat-Chef erst der Folgegeneration zu, den jetzt Zwanzigjährigen. In Rumänien sind aber nur noch vier Prozent der Bauern unter 35 Jahre alt, knapp die Hälfte ist über 65.

Auf dem Rückweg von der Milchsammelstelle lässt Melkhelfer Alin das Pferd laufen. Er ist 20 und hat bisher keine Ausbildung. Früher wäre sein Lebensweg klar gewesen: Bauer werden. Aber bei seinem Monatslohn von 150 Euro und den gestiegenen Hektarpreisen wird sich Alin nie einen eigenen Betrieb leisten können. Auch wenn er zu der Generation gehört, auf die alle hoffen.

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Natur pur: Bei der Querfeldein-Tour scheucht Jung mit seinem Pickup ein Rudel Rehe auf. Vom Hügelland aus sieht man die Karpatenmeat-Farm in Nocrich – eine ehemalige Kolchose, die die Firma für ihre Zwecke umgebaut und modernisiert hat. Weich gebettet: Die Angusrinder sind auf der Karpatenmeat-Farm nicht angekettet und sind meist im Freilauf.Der „Kindergarten“ von Karpatenmeat: Stefan Jung steigt über einen Zaun und krault ein Kälbchen, das erst wenige Tage alt ist. Naseweis, aber scheu: Die Angusrinder haben ein schreckhaftes Gemüt. Das kommt Jung gerade recht: Weil seine Tiere nicht sehr zutraulich sind, könnten sie nicht so leicht von der Weide gestohlen werden. Udo Roth ist Kleinbauer im Dörfchen Malmkrog. Abends trifft er sich an seinem Kuhstall mit Freunden, um über den Tag und das Geschäft zu reden. In Reih und Glied: Roth hat 17 Milchkühe im Stall stehen. Die Viehhaltung hat eine lange Tradition in Siebenbürgen. Der junge Rumäne Alin sitzt im schummrigen Licht des Stalls und melkt Roths Kühe. Morgens und abends kümmert er sich um die Tiere. Er verdient 150 Euro im Monat.Alin spannt den Pferdewagen an. Der Gaul trabt zweimal täglich zur Milchsammelstelle. Alin (links) schüttet die Ausbeute des Abends zusammen mit einem Helfer in den großen Tank in der Milchsammelstelle.