Gefangener Braunbär (Foto: Katrin Langhans)

Tierschutz

Der Der Bär im Hinterhof

Zwanzig Bären leben in Rumänien illegal in kleinen Käfigen. Die Jäger erschießen die Mütter, wenn ihre Jungen erst ein paar Monate alt sind. Sie finden einen Bären als Haustier schick. Ein Ortsbesuch.

Von Katrin Langhans

Ihre Blicke fallen leer durch ein Netz aus Gitterstäben. Ihre Welt besteht aus Zwischenräumen. Aus Kacheln grüner Wiese, Scheune, Steinen und Schlamm, die sie durch die Metallstäbe hindurch sehen, aber nicht spüren können. Seit zwölf Jahren fühlen die beiden Bären mit ihrer Schnauze Beton statt Waldboden, Metallstäbe statt frischem Gras. Sie leben in einem Käfig, im Hinterhof eines Bäckerei- und Landwirtschaftsbetriebes in Arcus. Sie heben ihre Tatzen nur schleppend. Sechs Meter vor, sechs Meter zurück. Mehr lassen die etwa vierzig Quadratmeter Käfig nicht zu.

Ein kahler, trockener Baumstumpf  klemmt zwischen dem Betonboden und den  Käfigstäben. Alte Weißbrote liegen auf dem Boden verstreut. Die Bären fressen die Abfälle des Bäckerei- und Landwirtschaftsbetriebes „Prod Spicom“. Das Unternehmen wird von der EU gefördert, die Bären gehören dem Chef. Einer der Mitarbeiter auf dem Hof erzählt, dass der Besitzer die Bären bei einem Jagdausflug in den Karpaten gefunden habe. In Rumänien leben etwa 6000 Braunbären in freier Wildbahn, mehr als irgendwo sonst in Europa. „Die Bärenmutter ist von einem Schuss aufgeschreckt und geflüchtet“, erzählt der Mitarbeiter. Der Besitzer habe die zurückgelassenen Bärenjungen mitgenommen und großgezogen.

Jäger erschießen die Bärenmutter

Heldengeschichten wie diese hat Tierschützerin Cristina Lapis schon oft gehört, aber sie glaubt sie nicht. „Eine Bärenmutter würde eher sterben, als ihre Bärenjungen alleine im Wald  zurückzulassen“, sagt die Gründerin der Tierschutzorganisation Millions of Friends. Seit sieben Jahren setzt sie sich für Straßenhunde und Bären in Rumänien ein. „Bären kann man nur zähmen, wenn sie noch klein sind“, sagt Lapis. deswegen erschießen die Jäger meistens die Bärenmütter, wenn ihre Jungen erst ein paar Monate alt sind.

Max trug früher ein Stachelband, heute lebt sie im Bärenasyl (Fotos: privat/ Katrin Langhans)

Max trug früher ein Stachelband, heute lebt sie im Bärenasyl (Fotos: privat/ Katrin Langhans)

„Zwanzig Braunbären werden in Rumänien illegal gefangen gehalten“, sagt Cristina Lapis. Einige leben in zu kleinen Zookäfigen, einige im Garten der Besitzer. Dabei gelten für Zoos die Richtlinien der EU, und die private Haltung von Wildtieren ist verboten. Die Bärenbesitzer fangen die Tiere aber trotzdem. Sie pferchen die Bären in kleine Käfige, ohne einen Rückzugsort, ohne einen Schattenplatz, ohne genug zu essen. Früher verdienten einige Rumänen ihr Geld mit Tanzbären, heute ist der Bär einfach nur ein Prestigeobjekt. Weltweit schätzt Lapis würden etwa 400 Bären unter schlechten Bedingungen hinter Gittern sitzen. Zum Beispiel in Indien, Pakistan, China und Indonesien.

Christina Lapis´ Kampf für Braunbären begann mit der Freundschaft zu Maya: Die Bärin war schwach, unterernährt und hockte auf ein paar Quadratmetern als Maskottchen für ein Restaurant in Bukarest. Maya litt an Hunger und an der Enge des Käfigs. Sie aß ihre eigenen Pfoten und starb an den Verletzungen. Nie wieder, schwor sich Cristina Lapis, soll ein Bär in Gefangenschaft sterben müssen.

Bärenaltersheim in den Karpaten

Im Jahr 2005 errichtete sie mit Unterstützung der World Society for the Protection of Animals (WSPA) das Bärenasyl „Libearty“ in Zarnesti. Ein Altersheim für geschundene Bärenseelen, mitten in der malerischen Bergkulisse der rumänischen Karpaten. Es ist das größte Bärenasyl Europas. Auf rund 70 Hektar, einer Fläche, in die der Berliner Zoo zwei Mal reinpasst, leben 63 Bären. Jeder Einzelne wird untersucht und kastriert, bevor er in das große Freigehege darf. Cristina Lapis kann die Tiere nicht wieder auswildern, weil sie in den rumänischen Karpaten nicht lange überleben würden. Sie haben nie gelernt zu jagen oder ihr Territorium zu verteidigen.

Seit 2005 gibt es das Bärenasyl in den rumänischen Karpaten. (Foto: Katrin Langhans)

Lebensabend im Bärenasyl
(Foto: Katrin Langhans)

Mura schleckt mit ihrer Zunge genüsslich Orangenschalen aus. Bis vor sechs Jahren musste sie im lilafarbenen Glitzerkleid auf einem Roller in einem Zirkus in Bukarest durch die Manege fahren, tanzen und Flöte spielen. Als Belohnung für ihren Auftritt gab man ihr Futter. Mit fünf Jahren weigerte sich Mura zu arbeiten. Der Zirkusdirektor konnte nichts mehr mit der Bärin anfangen und kontaktierte Cristina Lapis. Erst nach einem Jahr im Bärenaltersheim hörte Mura auf, jedes Mal zu tanzen, wenn man ihr Essen gab.

Der Körper von Max verschmilzt mit dem Erdhügel, auf dem er liegt. Fast könnte man ihn übersehen, wären da nicht zwei faustgroße Ohren, die sich zum Zaun drehen, als wollten sie Luft baggern. Als Max klein war, stach ihm sein Besitzer so lange mit einer Nadel in sein Auge, bis er blind war. Er schnitt ihm die Zähne ab und sprühte ihm Pfefferminzspray in die Nase, damit er nichts mehr riechen konnte. Max stand tagsüber an der Straße, an einen Baum gekettet, in der Nähe von dem Schloss Peles. Wenn Touristen vorbeikamen, zog der Besitzer an einem Stachelband, das um seinen Hals gelegt wurde, damit Max sich aufrichtete und brüllte. Die Touristen durften ihn dann ohne Blitz fotografieren. Sein Geruchssinn hat sich nach drei Jahren im Reservat erholt, aber seine Knopfaugen werden nie wieder sehen können.

Joghurteis als Bärenfrühstück

In großen Bögen fliegen Eier wie ein Schwarm Spatzen über den Zaun. Ein Pfleger schippt sie kiloweise mit einem Spaten aus einer Schubkarre. Das Bärenfrühstück richtet sich danach, welche abgelaufenen Lebensmittel die umliegenden Supermärkte umsonst oder für wenig Geld abgeben. Zum Glück für Lapis und ihre Mitarbeiter sind Bären Allesfresser. Rund eine Tonne Fleisch, Kekse, Joghurteis, Fisch oder Eier verputzen sie pro Tag. Abgesehen von der Fütterung führen die Bären aber ein eigenständiges Leben im Minireservat. Sie bauen sich Höhlen, trinken aus den Wasserlöchern und essen Eicheln und Beeren aus dem Wald.

Mura war früher ein Zirkusbär, heute lebt sie im Bärenasyl (Fotos: privat / Katrin Langhans)

Bis Mitte Juli soll das Asyl um ein neues Freigehege erweitert werden, in das etwa fünfundzwanzig Bären passen. Dann beginnt Lapis Kampf um die zwanzig Bären, die in Rumänien immer noch illegal in Käfigen leben müssen. Die Hinweise auf die Bären erhält sie zum größten Teil von internationalen Touristen. Lapis hofft jetzt auf Unterstützung der lokalen Medien, denn Geld kann und will sie für die Bären nicht zahlen. „Dann würde ich einen Markt schaffen“, sagt sie. Sie muss hartnäckig sein, denn  nur zwei der Bärenbesitzer sind bereit, ihre Tiere freiwillig an das Bärenaltersheim abzugeben. Der Besitzer der Bäckereibären gehört nicht dazu.

 Im Winter frieren die Wasserlöcher zu, die Bären essen dann Schnee. (Foto: Katrin Langhans)Jeden Tag werfen Pfleger kiloweise Orangen, Bananen oder Schinken über den Zaun. (Foto: Katrin Langhans)Die Bären haben auch im Reservat ihr eigenes Territorium. Die Kämpfe verlaufen aber spielerisch.  (Foto: Katrin Langhans)Zwei Volontäre kratzen Joghurt aus den Plastikbechern, um daraus Eis zu machen. (Foto: Katrin Langhans)Die 63 Bären leben im Bärenaltersheim auf 70 Hektar Land. (Foto: Katrin Langhans)Bären, die sich nicht selbst versorgen können, leben in einem Einzelgehege. (Foto: Katrin Langhans)In „Libearty“ entscheiden die Bären selbst, ob sie sich in eine Höhle verkriechen oder in der Sonne faulenzen. (Foto: Katrin Langhans)Die Bären können im Reservat bis zu 40 Jahre alt werden. In der Wildnis leben sie nur etwa 25 Jahre. (Foto: Katrin Langhans)Die Tierschützerin Cristina Lapis will zwanzig Bären befreien, die illegal in Gefangenschaft leben. Sie sollen im Asyl alt werden dürfen. (Foto: Katrin Langhans)