Supermarktunternehmer Boros Csaba: „Wir kehren zu unseren Wurzeln zurück.“ (Foto: Tiemo Rink)

Supermarktunternehmer Boros Csaba: „Wir kehren zu unseren Wurzeln zurück“(Fotos: Tiemo Rink)

Ungarische Minderheit

Die Grenzwächter

Vom Rest der Welt wollen die Szekler am liebsten gar nichts wissen. Die ungarische Minderheit Siebenbürgens besinnt sich lieber auf ihre Wurzeln: Heimat, Landwirtschaft und Eigenständigkeit. Die Grenzen zwischen Ökologie und Nationalismus verschwimmen.

von Dennis Yücel

Boros Csaba hat eine Mission. Er will mit seiner Supermarktkette zur unangefochtenen Nummer Eins im Szeklerland werden, und das, sagt er, sei nicht bloß Geschäft, sondern eine Lebensaufgabe, die Gott ihm gegeben habe. Die Szekler, die Ungarisch sprechende Minderheit Siebenbürgens, sind ein stolzes Volk. Stolz auf ihre Geschichte und misstrauisch gegen das Fremde. Da sollen sie sich vor allem nicht beim Essen auf die Ausländer verlassen müssen. Boros Csaba fühlt sich berufen, mit seinem Мerkur-Markt zu einem Kampf gegen ausländische Ketten wie Lidl oder Kaufland anzutreten.

Zsuzsa Lörinczi: „Wir wollen keiner ausländischen Investoren“

Zsuzsa Lörinczi: „Wir wollen keine ausländischen Investoren“

Csaba, ein stämmiger Mann in seinen besten Jahren, steht in einer Filiale seines Supermarkts in der Stadt Odorheiu Secuiesc und holt einen Hirtenkäse mit Runenaufschrift aus dem Kühlregal. Der Käse ist von „Gobi“, Csabas Hausmarke. „Wir kehren mit diesen Produkten zu den Wurzeln unseres Volkes zurück“, sagt er. Gobi ist Csabas beste Karte im Spiel mit den Global Players. Die Marke ist nach der Wüste benannt, aus der einst eine mythische Führerfigur die Szekler ins Herz Rumäniens geführt haben soll. Gobi nennen deshalb auch die Ungarn aus dem Mutterland die Szekler. „Die machen sich damit vielleicht lustig über uns“, sagt Csaba. „Aber wir sind stolz auf diesen Namen.“

Alles auf der Verpackung zielt auf die Verbindung mit dem Szeklertum ab. Neben der Runenschrift sind auch Tulpe, Sonne und Sichelmond abgebildet. „Unsere Symbole“, sagt Csaba. „Seit wir das auf unsere Verpackungen drucken, kaufen die Leute wie verrückt.“ In den letzten drei Jahren ist seine Firma in Folge um mehr als 100 Prozent gewachsen. Zwölf Filialen des Merkur-Markts gibt es schon, im Jahr machen sie rund 40 Millionen Euro Umsatz. Von der Marke Gobi gibt es in Csabas Läden alles zu kaufen, was das Szeklerherz begehrt. Von traditionellen Milchwaren bis zum ungarischen Obstbrand Palinka und Salami aus Bärenfleisch. Die Produkte werden ausschließlich von Kleinstbetrieben aus der Region bezogen. Doch im Unterschied zu westeuropäischen „Slowfood“-Bewegungen kaufen viele hier nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern aus Nationalbewusstsein

Zwei neue nationalistische Parteien sind entstanden

Rund 700.000 Szekler leben in Siebenbürgen, im Kreis Harghita bleiben sie weitgehend unter sich. In Odorheiu Secuiesc stellen sie rund 90 Prozent der Bevölkerung und sie wollen auch, dass das so bleibt. „Grenzwächter“ seien die Szekler früher für die Ungarn gewesen, dieses Wort hört man hier oft, eigentlich immer, wenn man mit Szeklern über die Szekler spricht. „Wir waren aus historischen Gründen schon immer eigenständig“, sagt Csaba. „Wir haben uns selbst versorgt und deswegen waren wir auch niemandem verpflichtet. Nicht mal den Habsburgern haben wir Steuern gezahlt.“

Von der Grenzwacht und dem Stolz auf die Unabhägigkeit geht es schnell gegen die Zentralregierung in Bukarest – an die sie Steuern zahlen müssen.

Seit in Ungarn die nationalistische Fidesz-Partei von Viktor Orbán an der Macht ist, befürchten politische Beobachter, dass die Szekler, die nie viel vom rumänischen Staat hielten, aufbegehren könnten. „Der Traum der Kosmopoliten ist ausgeträmt“, sagt László Illyés, Professor an der Wirtschaftshochschule in Odorheiu Secuiesc. „Das wird nicht die Lebenseinstellung unserer kommenden Generationen sein.

Der Nationalismus grassiert im Szeklerland so stark wie lange nicht mehr. Im letzten Jahr spalteten sich zwei neue rechtslastige Parteien von der Szeklerpartei UDMR, einer traditionellen Minderheitenvertretung mit eher gemäßigten Zielen, ab. Eine davon wird von dem evangelischen Pfarrer und Revolutionshelden von 1989, Lázsló Tökés, angeführt, der aus seiner Freundschaft mit dem ungarischen Premier Orbán keinen Hehl macht. Örtliche Zeitungen berichten von großzügigen Geldspenden aus dem Mutterland. Tökés, der zurzeit als Vertreter Rumäniens im EU-Parlament sitzt, kokettiert ganz offen mit der Möglichkeit einer politischen Autonomie des Szeklerlandes, nach Vorbild des Kosovo.

 „Man muss Druck auf die Rumänen ausüben“

Bei vielen Szeklern finden die neuen Rechten ein offenes Ohr, weil sie sich von der traditionellen Partei nicht mehr richtig vertreten fühlen. „Еs ist richtig, dass man endlich mal Druck auf die Rumänen ausüben muss“, sagt Zsuzsa Lörinczi. Lörinczi ist Gründerin der Artera Stiftung, die sich für den Erhalt der Szekler-Traditionen einsetzt, indem sie Volkstanzgruppen oder Traditionshandwerker unterstützt. „Еs kann nicht sein, dass wir nicht selbst bestimmen können, was mit unseren Steuergeldern passiert. Unser ganzes Geld geht nach Bukarest, aber nie kommt etwas davon zurück.“

Gabor Kolumban – Büffelzucht statt politischer Karriere

Gabor Kolumban – Büffelzucht statt politischer Karriere

Die Szekler haben in Rumäien volle kulturelle Autonomie. Aber aufgrund des zentralistischen Systems werden die wichtigen politischen Entscheidungen allerdings ausschließlich in Bukarest entschieden. Die Szekler fühlen sich dabei oft benachteiligt. „Seit der Wende sind wir die Verlierer“, sagt Lörinczi. „Wir profitieren hier nicht vom Kapitalismus. Wir verlieren höchstens unsere Identität“. Vor allem die Alten nehmen die freie Marktwirtschaft im Land als Bedrohung war. Gesprächsthema in Odorheiu Secuiesc ist derzeit ein österreichischer Investor, der in der Nähe der Stadt ein Spa-Hotel errichten will. „Die ganzen Arbeitsplätze und der finanzielle Gewinn werden an Rumänen oder ins Ausland gehen“, sagt Lörinczi. „Wir wollen hier keine ausländischen Investoren.“

So wie Viktor Orban schüren auch die beiden neuen nationalistischen Szeklerparteien Ängste vor einem unkontrollierbar gewordenen globalen Kapitalismus und fordern stattdessen eine Besinnung auf Heimat und Familie. An diesem Punkt setzt auch das Konzept von Csabas Merkur-Markt an: Möge der Rest der Welt im Chaos der Globalisierung untergehen, wir versorgen uns selbst mit Produkten aus unserer Region.

Die Grenzen zwischen Ökologie und Nationalismus verschwimmen

Doch Boros Csaba ist kein polternder Nationalist. Wenn er von seiner gemäßigten Wachstumsstrategie spricht, von der Verantwortung, die er für seine Heimatgemeinde empfindet, dann spricht er genau so, wie man sich auch in den aktuellen Kapitalismusdebatten Westeuropas die Unternehmer wünscht. Dass er seinen Supermarkt für eine Mission Gottes hält, bedeutet eben auch, wie er sagt: „Profit ist nicht meine Ideologie.“

„Die Finanzkrise hat das Szeklerland nicht getroffen“, sagt Csaba. „Weil wir nicht Teil des globalen Netzes sind. Ich will mit Gobi genau das betonen. Wir machen eine natürliche Ökonomie, die nicht losgelöst ist von tatsächlichen Warenwerten.“ Csaba unterstützt mit seinem Markt viele Kleinst- und Familienbetriebe. Ein Prozent aller Einnahmen des Supermarkts gehen an die Stiftung „Community Foundation“, die mit dem Geld Regionalinitiativen unterstützt. Auch der Aufbau einer Kooperative für lokale Obstbauern ist geplant. Die Grenzen zwischen Ökologie und Nationalismus verschwimmen im Szeklerland.

„Wenn Sie die Szekler verstehen wollen, fahren Sie zu Gabor“, sagt Csaba. Gábor Kolumban, ein guter Freund des Unternehmers, war früher Physik-Professor. Unter anderem war er Mentor des berühmten Netzwerk-Theoretikers Albert-Laszlo Barabasi. Während der 89er Revolution besetzte Kolumban mehr oder weniger zufällig das Telefon eines hohen Parteifunktionärs – nach der Wende stieg er dann zu einem der einflussreichsten Politiker der Szekler auf. Viele Jahre war er auch Chef des Kreises Harghita. Doch vor einigen Jahren hat er sich zurückgezogen. Heute lebt er im Nirgendwo des Karpatenvorlands, auf einem Bauernhof ohne Strom und züchtet Büffel. Eine einzige Kerze erhellt die enge Holzstube seines Hauses. Warmes Licht scheint auf das breitwangige, frische Gesicht seiner Frau. Es riecht nach Dung und Bienenwachs. Auf dem Tisch stehen verschiedene Sorten Büffelkäse, zu trinken gibt es Büffelmilch und Schnaps. „Die Leute fragen mich immer, wie ich darauf komme, Büffel zu züchten“, sagt Kolumban. „Ich sage immer: Ich bin Szekler. Wir leben seit Jahrhunderten so.“