Raketenstatue vor dem Hermann-Oberth-Museum in Mediasch (Foto: Stefan Junger)

Raketenstatue vor dem Hermann-Oberth-Museum in Mediasch (Foto: Stefan Junger)

Raumfahrtpioniere

Die Himmelstürmer von Hermannstadt

In Siebenbürgen ticken die Uhren anders: Auf den staubigen Straßen fahren mehr Pferdekutschen als Autos. Die Region steht nicht im Verdacht, ein Hort für Zukunftsvisionen zu sein. Doch ausgerechnet zwei Siebenbürger gingen als Pioniere in die Geschichte der Raumfahrt ein.

Von Dominik Drutschmann

Wenn man die Geschichte der beiden siebenbürgischen Raumfahrtpioniere Conrad Haas und Hermann Oberth erzählen will, könnte man bei der ersten Mondlandung 1969 anfangen. Oder beim Raketenprogramm der Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs. Aber man könnte auch ins Jahr 1869 zurückkehren; in eine unscheinbare Wohnstube mitten in Hermannstadt.

Oberth-Büste vor dem ehemaligen Hermannstädter Bürgermeisteramt (Foto: Dominik Drutschmann)

Oberth-Büste vor dem ehemaligen Hermannstädter Bürgermeisteramt (Foto: Dominik Drutschmann)

An einem Julitag im Jahre 1869 erhob sich der Arzt und Dichter Friedrich Krasser von seinem Stuhl, stützte sich mit beiden Händen auf den Wohnzimmertisch und verkündete mit fester Stimme: „Hört mich gut an, in hundert Jahren werden Menschen auf dem Mond landen.“

Die Wissenschaft faszinierte Krasser; er glaubte an eine Welt, in der sie sich gegen das vorherrschende Diktat der Kirche durchsetzen würde. So schrieb er in seinem Gedicht „Anti-Syllabus“, wie er sich eines Priesters erwehren würde: „Dann mit Teleskop und Spektrum demontier den armen Wicht, Oder schleud’re ihm der Neuzeit Blitz und Dampf ins Angesicht!“. Seine Utopie von einer wissenschaftlich geprägten Welt teilte Krasser mit seinen Freunden; seine Wohnstube verwandelte sich jeden Sonntag in eine Art „Think Tank“. An diesem Tag saßen einige Gleichgesinnte mit ihm am Tisch: der Hermannstädter Stadtarchitekt Dietrich, der Stadtingenieur Samuel Jickeli und der Afrika-Forscher Carl Jickeli.

Hermannstädter „Think Tank“

Zwei Dinge konnte Friedrich Krasser zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: indirekt sollte er die Raumfahrt beeinflussen – auch wenn er selbst nie an einer Rakete getüftelt hat. Und:

Der Schlüssel zur Reise ins All lag nur wenige hundert Meter von seinem Haus entfernt – im Hermannstädter Nationalarchiv. Unter der Signatur „Varia II 374“ verstaubte dort die Handschrift von Conrad Haas, der sein „Kunstbuch“ 300 Jahre vor Krassers Ausruf, in Hermannstadt fertiggestellt hatte.

Conrad Haas kam aus dem niederbayerischen Landshut über Österreich im Jahre 1551 mit der Armee Kaiser Ferdinands nach Hermannstadt. Als Büchsenmeister übernahm er in Hermannstadt die Leitung des Zeughauses, in dem die Waffen der Stadt lagerten. Wenn nicht gerade Krieg herrschte, erfand Haas „allerley überaus schönes und künstliches Feuerwerk“. In Hermannstadt vollendete er auch sein „Kunstbuch“, wobei sich das Wort Kunst auf die Handwerkskunst bezog.

Ob Haas schon an die „Raumfahrt“ dachte, darf bezweifelt werden. Auch wenn er ein „fliegendes Häuschen“ aus Holz, Metall und Pappe bastelte, das einige Forscher als Vorwegnahme des Raumschiffs deuten, lag Haas doch in erster Linie das Feuerwerk am Herzen. Zwar finden sich in der Handschrift auch Hinweise auf eine kriegerische Nutzung von Raketen, doch im letzten Absatz des Kunstbuchs rät er zum Frieden: „Aber mein Rath mehr Fried und kein Krieg, die Büchsen do sein gelassen unter dem Dach so wird die Kugel nicht verschossen, so behielt der Fürst sein Geld, der Büchsenmeister sein Leben; das ist der Rath so Conrad Haas tut geben.“

 „Mehr Fried und kein Krieg“

Auch wenn Conrad Haas kein „Raumfahrtpionier“ war, so war er ein Frühpionier der Raketentechnik. Der wichtigste Beitrag zur heutigen Raketenforschung aus seiner Handschrift findet sich ab Seite 200: die Mehrstufenrakete. „Drey Rackett ineinander geschoben mit drey Schüssen“ lautet die knappe Beschreibung der bahnbrechenden Erfindung. Das Stufenprinzip basiert darauf, mehrere Raketen mit unterschiedlichen Durchmessern ineinanderzufügen. Wenn der Treibstoff einer Rakete aufgebraucht ist, wird sie einfach abgestoßen. Weil dadurch die nutzlose Masse wegfällt, erreichen die Mehrstufenraketen eine höhere Geschwindigkeit und können in höhere Umlaufbahnen vordringen.

Zeichnung der wohl bedeutendsten Erfindung von Conrad Haas: der Dreistufen-Rakete (Foto: Dominik Drutschmann)

Zeichnung der wohl bedeutendsten Erfindung von Conrad Haas: der Dreistufen-Rakete (Foto: Dominik Drutschmann)

Auch die Saturn-V-Rakete, die 1969 die ersten Menschen auf den Mond bringen sollte, war eine dreistufige Rakete. Conrad Haas war auch der erste, der flüssige Brennstoffe als Beigabe zu Salpeter, Schwefel und Kohle verwendete. Der größte Teil der Handschrift beschäftigt sich mit der Frage nach dem richtigen Treibstoff für die jeweilige Rakete: „Nochmals nimm ein wenig gestoßen Pulver und gieß Brantenwein darin, soviel daß es sich lasse zu einem Teig machen. Nimm dann solch und steich das Kämmerlein [Raketenkammer] samt dem Löchlein [Zündloch] voll.“ Als Zusatz zum Alkohol (Brantenwein) empfiehlt Haas auch „Menschenharn“.

„Der wirkliche Vater der Raumfahrt“

Den Grund, warum die Mehrstufenrakete der einfachen so überlegen ist, fand erst Anfang des 20. Jahrhunderts ein anderer Hermannstädter, der später als „der wirkliche Vater der Raumfahrt“  Geschichte schrieb: Hermann Oberth.

Oberth, 1894 in Hermannstadt geboren,  gilt als einer der bedeutendsten Raketenpioniere des 20. Jahrhunderts. In seiner Kindheit las er die Romane von Jules Vernes, besessen von der Idee, ins All zu reisen. Er bastelte Raketen, baute Zentrifugen, um die Schwerelosigkeit zu testen, und probte den Ernstfall, indem er im Kopfstand frühstückte. Nach der Schule verließ Oberth Hermannstadt und studierte Medizin in München, ehe er nach dem Ersten Weltkrieg ein Physik-Studium aufnahm, das er mit der Doktorarbeit unter dem Titel „Die Rakete zu den Planetenräumen“ abschloss. Das Werk, das  wegweisend für die Raumfahrttechnik werden sollte, wurde zuerst als Doktorarbeit  abgelehnt. „Zu schülerhaft“, lautete die Begründung der Heidelberger Universität.

„Bis zur Herausgabe dieses Buches war der Gedanke einer künftigen Weltraumfahrt nicht viel mehr als ein Gebilde schwärmerischer Phantasie“, schrieb Oberths späterer Wegbegleiter Wernher von Braun, „Hermann Oberth war der erste, der in Verbindung mit dem Gedanken einer wirklichen Weltraumfahrt zum Rechenschieber griff und zahlenmäßig durchgearbeitete Konzepte und Konstruktionsentwürfe vorlegte.”

„Wunderwaffe des Führers“

Trotz des vernichtenden Urteils der Heidelberger Universität blieb Oberth seinen Raketen treu; und das mit Erfolg. Den erntete er nicht nur mit dem Film „Die Frau im Mond“, für den ihn Regisseur Fritz Lang  als wissenschaftlichen Berater engagierte: Um diese Zeit lernte er Oberth Wernher von Braun kennen, der ihn Anfang der vierziger Jahre zur Heeresversuchsanstalt Peenemünde holte, wo er für das Nazi-Regime an der Entwicklung der V2, der „Wunderwaffe des Führers“, mitwirkte.

Der erste erfolgreiche Start dieser Rakete gelang am dritten Oktober 1942. Bis zum März 1945 wurden gut 3000  Raketen dieses Typus auf Ziele in England, Belgien und Frankreich abgefeuert. Bei den Angriffen mit der V2-Rakete kamen insgesamt schätzungsweise 8000 bis 12.000 Menschen ums Leben – die meisten von ihnen in London und Antwerpen.

Im Gegensatz zu Conrad Haas war Oberth sehr wohl am kriegerischen Nutzen seiner Raketen interessiert. Er entwickelte zum Beispiel Ideen für einen Weltraumspiegel, mit dem man „marschierende Truppen und ihre Nachschübe vernichten, ganze Städte verbrennen und überhaupt den größten Schaden anrichten“ könnte. Als Oberth 1962 nahe seiner Wahlheimat Feucht bei Nürnberg zum Ehrenmitglied im Bund der Vertriebenen ernannt wurde, nutzte er den Auftritt, die Wunderwaffe zumindest rhetorisch wieder zu erwecken: „Ich hatte gehofft, eine Raketenwaffe zu finden, die den Schandvertrag von Versailles hätte zerschlagen können. Das ist mir nicht gelungen“.

„Unsere Enkelkinder werden es noch erleben“

Er war und blieb ein Erzreaktionär, trat  in den sechziger Jahren sogar in die NPD ein, wurde aber Zeitlebens für seine Leistungen in der Raketenforschung geehrt. Auch nach seinem Tod 1989 rissen  die Huldigungen nicht ab. In Hermannstadt wurde 2001 eine überlebensgroße Büste von Oberth vor dem damaligen Rathaus eingeweiht.

Da steht sie heute, nicht weit entfernt von der Wohnstube, in der Friedrich Krasser 1869 verkündete, dass in hundert Jahren Menschen auf dem Mond landen würden. „Unsere Enkelkinder werden dies noch miterleben“, sagte er. Und behielt recht: Sein eigenes Enkelkind hat es nicht nur miterlebt, sondern entscheidend mitgewirkt. Sein Name: Hermann Oberth.