Der Held von Hermannstadt (Foto: Sebastian Marcovici)

Hermannstadts Bürgermeister

Die Johannis-Passion

Er ist pünktlich, ordentlich und fleißig: In Deutschland würde dieser Saubermann provozieren, ausgerechnet im rumänischen Hermannstadt kommt er bestens an. Jetzt steht der deutsche Bürgermeister Klaus Johannis vor seinem vierten Wahlerfolg.

Von Stefanie Maeck

Es ist nicht einfach, sich mit Klaus Johannis auf Augenhöhe zu unterhalten. Tom Buhrow musste sogar auf eine Kiste steigen, um dem Zwei-Meter-Mann bei einer Liveschalte der „Tagesthemen“ in die stahlblauen Augen zu schauen. Als das siebenbürgische Hermannstadt 2007 als europäische Kulturhauptstadt glänzte, war Buhrow mit seinem Team in die Stadt gereist und hatte über den  Bürgermeister gestaunt. Dort staunen die Menschen schon seit zwölf Jahren über Johannis. Seit damals regiert der Deutsche die rumänische Großstadt – unangefochten.

Besucher führt Klaus Johannis persönlich durch die „Stadt der guten Manieren“ (Foto: Sebastian Marcovici)

Und was für ein Deutscher: Der blonde 53-Jährige repräsentiert so ziemlich alle preußischen Tugenden – Pünktlichkeit, Ordnungsliebe, Fleiß. Bei Auftritten soll er allerdings auch ein wenig steif wirken. Man erzählt sich, dass er seine Frau Carmen, eine hübsche und lebhafte Rumänin, deshalb nie mit ins Fernsehstudio nehme, damit sie ihm dort nicht die Schau stehle.

Der Erfolg von Johannis ist deswegen so erstaunlich, weil die deutsche Bevölkerung von Hermannstadt gerade etwas mehr als ein Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Trotzdem stellt sie nicht nur den Bürgermeister, sondern auch die Mehrheit der Räte im Stadtrat und winkt dort schon einmal 40 Tagesordnungspunkte in 45 Minuten durch. Pro Forma protestiert bei öffentlichkeitswirksamen Sitzungen die Opposition.

Wer dem Phänomen Johannis auf die Spur kommen will, kann sich beispielsweise mit Hans Klein treffen. Der gibt gern Auskunft über seinen Freund, der gerade im Urlaub weilt. „Vielleicht hätte er Sie auch gar nicht empfangen“, sagt er und bittet in knautschige Ledersessel. „Der Johannis“ sei einer, der sich nicht „verbraucht“, der sich auf die Aufgaben konzentriere. Klein war der älteste Stadtrat in Hermannstadt, gerade hat er sich in den Ruhestand verabschiedet. Ein freundlicher älterer Herr, der jeden Tag mit dem Fahrrad in sein Büro mit den Spitzengardinen am Großen Platz radelt, dem Piața Mare. Er erzählt von Johannis’ erstem Wahlerfolg. „Es war ein Versuch“, sagt er. Die deutsche Minderheit habe schließlich einen guten Ruf gehabt.

Morddrohungen im Briefkasten

„Ein schöner Mann“ flüstert Klein in diesem altmodischen Siebenbürger Sächsisch. „Wohl frisiert und gut gekleidet.“ Und, ja: ein wenig eitel sei er, auch „distant“ in der Wirkung und mit der „astronomischen Uhrzeit“ unterwegs. Eine Sekunde vor Sitzungsbeginn soll er stets auf seinen Platz unter den Dachbalken des Sitzungssaales im Rathaus gleiten. Klein erinnert sich, wie sie den Kandidaten aufgestellt haben: „Dann mache ich es eben“, hatte Johannis gesagt, der bis dahin als strenger, aber fairer Lehrer Physik am deutschsprachigen Brukenthal-Lyzeum unterrichtet hatte. Johannis besorgte den besten Wahlkampfspezialisten und den besten Fotografen aus Bukarest. „Er war und ist die Lokomotive“, sagt Klein.

Hans Klein, Hermannstadts ältester Stadtrat (Foto: Stefanie Maeck)

Nach der Wahl war die Veränderung in der Stadt sofort zu spüren:  Über Nacht strahlte die Stadt. Johannis hatte die Probleme der Stadtreinigung gelöst, indem er arbeitslose Roma engagierte. Wasserleitungen und Kanalisation wurden in Ordnung gebracht. Er fuchste sich so sehr in die Probleme, dass plötzlich sogar der löchrige Beton auf den Straßen wieder befahrbar war, der Bürgermeister hatte ein Rezept gefunden: Er ließ den Schotter waschen. Der kleinste Krümel Erde verhinderte, dass der Asphalt anständig band. Das kam in der Bevölkerung an. Johannis ging mit Powerpoint-Präsentationen auf Reise nach Deutschland, mit Firmen wie dem Reifenhersteller Continental aus Hannover kehrte er zurück. Der Gewerbepark West entstand.

Die größte Überraschung aber war die Wahl zur Kulturhauptstadt. Nicht nur Tom Buhrow kam, sondern Scharen von Touristen, die über die malerische Altstadt, die Lügenbrücke und die mandelförmigen Dachgauben staunten, die „Augen“ von Hermannstadt.

Johannis’ Erfolg fand nun auch außerhalb der Stadtgrenzen Anerkennung. 2009 wurde er sogar als Kandidat für das Amt des Premierministers gehandelt. Er hatte sich lange mit Hans Klein beraten und dieser hatte ihm zugeraten: „Mach es.“

In dieser Zeit erreichten Johannis Morddrohungen: „Entweder Du gehst oder Du stirbst“, soll auf einem anonymen Brief gestanden haben, den der Politiker eines Tages im Briefkasten fand. Auch in der Presse geriet Johannis erstmals unter Beschuss.  Die Vorwürfe reichten von Kinder- und Organhandel bis hin zu Immobilienbetrug. Erhärtet hat sich keine der Anschuldigungen.

Dennoch kehrte Johannis  zur lokalpolitischen Bühne zurück. Sein Freund Klein hält den Star von Hermannstadt für sehr sensibel; das verrate schon „sein unruhiges Schriftbild“, vielleicht wäre Bukarest eh nichts für ihn gewesen.

Da ist diese Müdigkeit

Nur wenige Schritte von Kleins Büro entfernt liegt der Arbeitsplatz von Martin Bottesch. Uniformierte Männer führen die Wendeltreppe hinauf in sein Büro. Schwere Teppiche liegen hinter der schallgedämpften Tür, auf einem altmodischen Telefon prangt die Rumänienfahne. Martin Bottesch ist der Kreisratsvorsitzende der gesamten Region Hermannstadt. Auch er ist ein Deutscher. Auch er ist ein Freund von Johannis.

Martin Bottesch ist der Mann für die Region (Foto: Stefanie Maeck)

Über Bottesch’ Schreibtisch hängt „Michael der Tapfere“. Er erzählt, wie er und Johannis kürzlich über die politische Schlacht gesprochen hätten. Bottesch ist ein ernster Mann, der selten lacht: „Wir kandidieren, weil wir meinen, dass wir fortführen sollten, was wir angefangen haben.“ Doch da sei auch diese Müdigkeit, man werde im Amt nicht jünger. Bukarest erschwere das Arbeiten, es gebe viele restriktive Maßnahmen. Ein anderer deutscher Stadtrat hatte erklärt: „Wenn fünf von uns zusammen sitzen, sind fünfzehn Institutionen vertreten.“ Bottesch schätzt an Johannis „die klare Linie“, die „geraden Gedanken“ und das „taktische Gespür“. Dann grinst Bottesch plötzlich und deutet etwas an: Ein Womanizer sei der Johannis. „Fragen Sie für alles weitere die Frauen!“

Carmen Reich-Sanders spricht nur in höchsten Tönen von Johannis. Sie unterrichtet Mathematik am deutschen Brukenthal-Lyzeum.  Früher war sie in Johannis’ Clique und fuhr Ski mit ihm im Fogaraschgebirge. Auch heute duzt sie den „Klaus“. Sie erinnert sich, wie der Bürgermeister Hermannstadt zur „Hauptstadt der guten Manieren“ erklärte. Es gab die Aktion „Capitalul de bune Maniere.“ Überall in den Amtsstuben und Geschäften gab es Schilder: „Wir sagen bitte und danke“. Antworten gab es für Bürger binnen dreißig Tagen und eine zentrale Anlaufstelle kümmerte sich. Plötzlich saßen kompetente Beamte den Bürgern gegenüber.

Gegenkandidaten kneifen

Hier regiert Johannis (Foto: Stefanie Maeck)

Hier regiert Johannis (Foto: Stefanie Maeck)

Der deutsche Bürgermeister findet in der Bevölkerung mittlerweile so breiten Zuspruch, dass Gegner resignieren und kaum noch antreten. Manch Bürger erkundigte sich bei der Chefin der Hermannstädter Zeitung auf der Straße spontan, ob man ihn denn nicht auf Lebenszeit wählen könne. Die Zahlen sprechen für sich: Im Erstwahljahr waren es 22 Kandidaten, die sich für das Bürgermeisteramt bewarben, 2004 hatte sich die Zahl halbiert und für die diesjährige Wahl sind sich manche Parteien noch unschlüssig, ob sie Gegenkandidaten ins Rennen schicken sollen. Immerhin: Die PDL, die Regierungspartei in Bukarest, kündigte an, dass sie aus ihren Reihen jemanden bestimmen wird, und auch der junge unabhängige Kandidat Dragos Floarea traut sich. Sogar Johannis soll seine Gegner ermuntert haben, es zu versuchen.

Sie werden es nicht leicht haben,  denn Johannis Wiederwahl im Juni gilt als gewiss – trotz der zunehmenden Amtsmüdigkeit der Deutschen. Der Bürgermeister weiß seine Stadt hinter sich. Sogar Florin Cioaba, der selbsternannte König der Zigeuner, bezeichnet sich als seinen Freund. „Johannis ist ein guter Mann. Und wenn ich ihn wähle, wird es mein Volk auch tun. Er gewinnt.

Anm. der Redaktion: Der Zigeunerkönig sollte mit seiner Prophezeiung recht behalten: Klaus Johannis holte bei den Wahlen im Juni 83,26 Prozent der Wählerstimmen, der Zweitplatzierte, Dragos Floarea erhielt 9,24 Prozent der Stimmen.