Ein Mädchen vor der Mauer, die das Roma-Viertel vom Rest der Gemeinde trennt (Foto: Steffi Unsleber)

Ein Mädchen vor der Mauer, die das Roma-Viertel vom Rest der Gemeinde trennt
(Foto: Steffi Unsleber)

Diskriminierung der Roma

Die Mauer von Tărlungeni

Niemand hatte die Absicht, in Tărlungeni eine zwei Meter hohe Mauer zu errichten. Doch jetzt trennt sie das Viertel der Roma vom Rest der Gemeinde. Ein Skandal, schreiben die Zeitungen. Reine Privatsache, sagt der Bürgermeister.

Von Steffi Unsleber

Matei Constantin, der Chef der Roma-Gemeinde (Foto: Steffi Unsleber)

Matei Constantin, der Chef der Roma-Gemeinde (Foto: Steffi Unsleber)

Tărlungeni liegt am äußersten Rand der Europäischen Union, in Siebenbürgen, wo die Häuser schmuck sind und bunt in der Sonne glänzen. Die Menschen leben gut hier, sie wohnen in großen Häusern, und es gibt Kuchen zum Nachmittagskaffee. Zumindest auf der einen Seite der Mauer.

Biegt man von der Hauptstraße ab, dann ändert sich das Bild. Die geschotterte Straße endet im Schlamm, man muss die Hosenbeine hochkrempeln, um nicht schmutzig zu werden. Die Häuser sind eher Verschläge, Hütten, und die Menschen sind dunkler als auf der Hauptstraße.

Hier sitzen die Leute auf der Straße und nicht in ihren Häusern. Sie tragen Kinder auf dem Rücken und im Arm und müssen über leere Plastikflaschen und holprige Feldwege steigen, wenn sie nach Hause wollen. Die Kinder strecken ihre Hände aus und sagen, dass sie Hunger haben.

Tărlungeni hat zwei Seiten. Auf der einen wohnen die Ungarn und die Rumänen, auf der anderen dicht an dicht die Roma. In der Mitte steht eine Mauer, grau, aus Beton und mit Scherben gespickt. Es sind zwei Welten, die mehr trennt als das Einkommen.

Die Roma leben am Rande

Die Roma sind die ärmste Bevölkerungsgruppe in Rumänien. Sie sammeln traurige Superlative: die höchste Arbeitslosigkeit, das niedrigste Bildungsniveau, die schlechteste Gesundheitsversorgung. Oft leben sie in Siedlungen am Rande von Städten oder Gemeinden, unter sich, abgeschlossen in einer Welt, die nur wenige verlassen. Die meisten Rumänen, Ungarn oder Deutschen blicken auf sie herab: Sie stinken, sie arbeiten nicht, sie stehlen. Die Roma sind die letzte Minderheit der Europäischen Union, die offen diskriminiert wird. In Rumänien, in Siebenbürgen leben besonders viele von ihnen.

Die mehr als zwei Meter hohe Betonmauer trennt in Tărlungeni die Roma-Siedlung (hinten im Bild) vom Rest der Gemeinde. (Foto: Steffi Unsleber)

Eine Mauer – viele Ansichten
(Foto: Steffi Unsleber)

In Baia Mare, eine Stadt im Norden Rumäniens, hat der Bürgermeister vergangenes Jahr drei Wohnblöcke einmauern lassen, in denen Roma leben. Die rumänische Bevölkerung hat das begrüßt. Allerdings muss sich der Bürgermeister zur Zeit vor Gericht verantworten. Der Nationale Antidiskriminierungsrat Rumäniens hat die Mauer scharf verurteilt.

Die Mauer in Tărlungeni wurde 2008 gebaut. Es waren viele Fernsehteams da, um sie zu filmen, aus Spanien, Frankreich und Deutschland. Dem Bürgermeister, Iosif Kiss, hat das nicht gefallen. Er will keine Journalisten mehr treffen. Nur per E-Mail antwortet sein Sprecher auf Fragen.

Ach, der Zaun: „Diese Sache geht uns nichts an.“ Eine Privatperson habe ihn um ein Grundstück gezogen, das „sollte die Medien nicht interessieren.“ Journalisten hätten bei diesem Thema „bereits übertrieben“.

Die Mauer versperrt den Blick

Das besagte Grundstück liegt dort, wo früher die Hauptverkehrsstraße der Roma war. Sie verband das Zentrum der Roma-Siedlung mit der Hauptstraße von Tărlungeni. Es waren kaum zehn Schritte von da nach dort. Die Roma nutzten die Wiese als Treffpunkt und, so sagen Einheimische, wohl auch als Müllkippe. Es soll laut gewesen sein. Heute sieht man die Roma-Siedlung von der rumänischen Seite aus nicht mehr, weil die Mauer den Blick versperrt. Sie umrahmt ein leeres Rasenstück, in dem Müll liegt.

Janos Szasz ist Ungar und wohnt direkt nebenan. Er erzählt, dass man im Dorf schon seit zwanzig Jahren überlegt habe, dass Grundstück zu verschließen. „Es war ein Desaster“, erzählt er. „Alles war voll mit Zigeunerkindern. Sie haben sogar auf das Grundstück geschissen!“ Und die Eltern hätten in den Scheunen der Anwohner gestohlen.

Die „Privatperson“, die die Mauer gebaut hat, soll der Bürgermeister selbst sein. Das erzählen die Anwohner. Er habe das Grundstück schließlich gekauft, um den Roma den Zugang zum Dorf zu erschweren. Die Gemeinde dürfe dazu keine Angaben machen, sagt der Sprecher des Bürgermeisters. Datenschutz.

Matei Constantin, der Chef des Roma-Viertels, sagt, dass die Roma kein Problem mit der Mauer haben. Er selbst freut sich darüber! Er will das Gespräch beenden. Und ein Foto vor der Mauer soll es auch nicht geben. Manche könnten das missverstehen. Es sind bald Wahlen und Matei Constantin sitzt im Gemeinderat. Nur eines noch: Fremde haben im Roma-Viertel nichts verloren.

Journalisten nicht erwünscht

Allerdings: Wenn man die Roma fragt, äußern sie sich positiv über den Bürgermeister. Manche legen die Finger auf die Lippen, machen klar, dass Journalisten nicht erwünscht sind. Der Bürgermeister und Matei Constantin sind gute Freunde, erzählen Anwohner. Und: „Der Bürgermeister hat seine Informanten im Viertel.“

Ein Rom hat seinen Pferdewagen vor Szasz‘ Haus geparkt und wartet auf die ausländischen Journalisten. Er ist der Einzige, der sich über die Mauer beklagt. Er fühle sich „eingeschlossen“, sagt er, die Mauer trennt ihn vom restlichen Dorf. Anschließend streckt er seine Hand aus und bittet um Geld.

Der Bürgermeister von Tărlungeni plant den Bau einer Formel-II-Rennstrecke direkt neben dem Dorf. Sie soll die größte in Osteuropa werden. Von den Roma hinter der Mauer werden die künftigen Besucher kaum etwas sehen.

Sie ist mit Scherben gespickt, damit die Kinder der Siedlung nicht über die Mauer klettern können. (Foto: Steffi Unsleber)Der Eingang zur Roma-Siedlung, direkt neben der Schule (rechts), für Außenstehende kaum zu erkennen. (Foto: Steffi Unsleber)Szene im Roma-Viertel, rechts ein Kiosk, an dem sich die Menschen treffen. (Foto: Steffi Unsleber) Eingang zur Schule auf der Seite der Roma. (Foto: Steffi Unsleber) Kinder im Roma-Viertel. (Foto: Steffi Unsleber) Weg im Roma-Viertel. (Foto: Steffi Unsleber) Der Fluss, der an das Roma-Viertel grenzt, ist mit Müll verschmutzt. (Foto: Steffi Unsleber)