Auf den Busbahnhöfen herrscht reges Treiben, Gepäck und Fracht werden ausgeladen
(Foto: Lena Müssigmann)

Arbeitsmigration

Die Traumreise

Viele Saisonarbeiter fahren mit dem Bus von Rumänien nach Deutschland. Das Fernbusunternehmen Atlassib ist mit den Arbeitsmigranten groß geworden. Die weiß-blau-roten Straßenschiffe transportieren nicht nur Passagiere, sondern auch den großen Traum von einem besseren Leben.

Von Lena Müssigmann

Jedes Frühjahr packt Anton Gheorghe seinen Koffer und setzt sich in Rumänien in einen Reisebus. Der 50-Jährige fährt nach Deutschland, in die Pfalz, wo er als Erntehelfer arbeitet. „Spargel, Äpfel, Kirschen“, sagt er auf Deutsch. Seit zehn Jahren löst er jeden Frühling ein Ticket. In Rumänien verdient er zu wenig für sich, seine Frau und die fünf Kinder. In all den Jahren hat er im Bus 34.000 Kilometer hinter sich gebracht und war insgesamt 23 Tage lang unterwegs.

Atlassib ist der größte Anbieter von Fernbusreisen ab Rumänien. Heute fahren jeden Tag mehrere Busse nach Deutschland. Die Linien verkehren zum Beispiel zwischen der Hauptstadt Bukarest und Berlin, zwischen Constanţa am Schwarzen Meer und Hamburg, oder der Provinzstadt Suceava an der moldawischen Grenze und Freiburg. Die Rumänen Corneliu Tanase und Ilie Carabulea haben das Unternehmen 1993 gegründet. Die Idee, „grenzüberschreitenden Personenverkehr“ anzubieten, war nach dem Ende der Ceauşescu-Diktatur ein Goldesel. Eine halbe Million Passagiere ist jährlich mit Bussen von Atlassib zwischen Deutschland und Rumänien unterwegs.

Der Saisonarbeiter Anton Gheorghe führt vor, wie Spargel geerntet wird (Foto: Lena Müssigmann)

Der Saisonarbeiter Anton Gheorghe führt vor, wie Spargel geerntet wird (Foto: Lena Müssigmann)

Doch das Unternehmen steht meist wegen negativer Schlagzeilen in der Öffentlichkeit. Der jüngste Skandal: Ende April 2012 ist der Hauptanteilseigner Carabulea wegen Korruption und Vorteilskauf zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Er hatte den Leiter der Staatsanwaltschaft in Sibiu bestochen, indem er ihm zwei Autos zur Verfügung gestellt hat. Carabulea wollte dafür einen Termin bei der Generalstaatsanwältin – er wollte bei ihr Einfluss auf mehrere Verfahren nehmen: Busfahrer hatten wegen zu niedriger Tagespauschalen gegen Atlassib geklagt. Die Arbeitsbedingungen werden auch bei Unfällen immer wieder diskutiert. Als im Juni 2011 über einen schweren Unfall in Ungarn berichtet wurde, stand mitten im Löschschaum der Feuerwehr ein Bus von Atlassib. Er ist mit einem Laster zusammengestoßen, vermutlich weil der Fahrer eingeschlafen war. Sechs Menschen kamen ums Leben.

Atlassib hat sich inzwischen zu einer Holding entwickelt, die ihre Geschäfte hauptsächlich mit Arbeitsmigranten macht. Dazu gehört Meridiana, ein Service-Unternehmen für Geldtransfers. Allein in den ersten 15 Apriltagen 2012, rund um die Osterfeiertage, wurden 3 Millionen Euro an Daheimgebliebene in Rumänien überwiesen. Das meiste Geld kommt aus Italien, Deutschland, Frankreich und Spanien, gibt Meridiana an. Zum Atlassib-Imperium gehört außerdem ein Frachtunternehmen, Personentransport innerhalb Rumäniens und ein Express-Paketdienst. In den Anhängern der Busse transportiert Atlassib Pakete – maximal 48 Stunden soll die Zustellung dauern.

Die Flotte von über 200 Reisebussen steht nie still. Unter dem Slogan „Ein offenes Tor zu Europa“ zeigt das Unternehmen auf seiner Internetseite das Brandenburger Tor in Berlin, den Eiffelturm in Paris und das Kolosseum in Rom. Davon werden Fahrgäste wie Anton Gheorghe nie etwas zu sehen bekommen. Damit er am Ende der Saison möglichst viel Geld mit nach Hause bringt, lebt er in Deutschland sehr spartanisch, große Ausflüge würden das Budget zu sehr strapazieren. Atlassib reklamiert „Sicherheit, Bequemlichkeit, Schnelligkeit“ für sich. Der Flug freilich wäre sicherer, bequemer und schneller. Das entscheidende Argument für Atlassib ist ein anderes: Der Bus ist billiger.

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