Rußfabrik im Morgengrauen (Foto: Katrin Langhans)

Rußfabrik im Morgengrauen (Foto: Katrin Langhans)

Copşa Mică

Die vergiftete Stadt

In den neunziger Jahren trug Copşa Mică den Titel „schwarze Stadt“. Zwei Industrieanlagen verseuchten die Umwelt mit Ruß, Blei und Cadmium. Das ist Vergangenheit, aber die Menschen leiden an den Spätfolgen. Wie geht es weiter im verseuchtesten Ort Rumäniens?

Von Steffi Unsleber und Katrin Langhans

Das Wetter ist gut heute und die grauen Kühltürme wirken fast freundlich in der Sonne. Wie eine Fotomontage erhebt sich neben der Hauptstraße eine Landschaft aus Schornsteinen und Häusergerippen, mit schwarzer Schlacke überzogen wie mit Schokoladenglasur. Mit diesem Bühnenbild im Rücken bummeln die Menschen über die Straße, gehen einkaufen, sitzen für einen Plausch auf Bänken. Schwefelsäure, Cadmium, Blei, Zink, früher über den Schornstein in die Luft gepustet, schlummern heute in der Erde. Wäre nicht die große Tafel in der Mitte des Dorfes, die die Luftverschmutzung misst, man könnte die Vergangenheit fast vergessen. Vergessen, dass Copşa Mică die verseuchteste Stadt Rumäniens ist, dass die Menschen hier früher sterben und merkwürdige Krankheiten haben.

Wenn nur nicht der Friedhof wäre.

Butian Casian Teodor, geboren am 20. Dezember 2004, gestorben am 27. Dezember 2004. Dormi in Pace.

Daneben ein schmales Holzkreuz, mit Filzstift beschriftet, Moldovan Ana Sorina, geboren am 20. April 1998, gestorben am 22. Juli 1998.

Nebenan, ein Doppelgrab: Marco Jonela Maria, 25. November 2001 bis 12. März 2003, Voicu Flavius Andrei, 21. Oktober 2003 bis 11. Dezember 2003.

Ein paar Schritte weiter spielen zwei Jungs, fünf Jahre alt, Zwillinge, am Grab ihrer Großmutter. Der eine hat ein Loch in der Herzkammer, der andere Asthma. Romakinder, der Vater erzählt, dass die Ärztin sie deshalb nicht gut behandelt. Dass die Krankheiten von den Schwermetallen kommen, bestreitet sie bis heute. Der Vater glaubt, dass sich die Firma Sometra dafür mit Geldgeschenken bei ihr bedankt.

Lebenserwartung neun Jahre unter dem Durchschnitt

Elena Finorela Chelaru, geboren am 20. Oktober 1973, gestorben am 27. Mai 2011, wurde von den Ärzten auch nicht gut behandelt. Sie war Schneiderin in der Fabrik, zehn Jahre lang, auf ihrem Tisch lagen die verschmutzten Anzüge der Arbeiter, die sie ausbessern musste. Schließlich: Gebärmutterhalskrebs, die Ärzte schickten sie fort, als sie das Schmiergeld nicht bezahlen konnte. Sie starb in ihrer Holzhütte. Heute kümmert sich ihr Mann um das Grab. Zuhause sitzen die vier Kinder. Seine Haare sind grau, er zeigt auf ein Geschwür an seinem Hals. „Wer Geld hat, kann leben, wer nicht, muss sterben.“

Viele sind gestorben in Copşa Mică. Nach Angaben der Organisation Blacksmith-Institute liegt die Lebenserwartung neun Jahre unter dem rumänischen Durchschnitt. Man darf hier zwanzig Jahre früher in Rente gehen als im Rest Rumäniens, mit 45 Jahren. Viele werden nicht viel älter.

Die junge Frau besucht mit ihrem Kind die Beerdigung eines Freundes auf dem Friedhof in Copşa Mică. Viele Menschen werden nicht älter als 50 Jahre.  (Foto: Katrin Langhans)

Leben in der schwarzen Stadt (Foto: Katrin Langhans)

Die Bevölkerung von Copşa Mică, deutsch Kleinkopisch, hatte zwei Henker: Cabosin, eine Rußfabrik, und Sometra, eine Buntmetallhütte. Cabosin verschmutzte die Stadt, überzog Menschen, Tiere und Bäume mit einem schwarzen Rußfilm und sorgte für den Ruf als dreckigste Stadt Europas. Jedes Jahr wurden die Häuser neu gestrichen, in grellbunten Farben, damit es länger hält.

Sometra verschmutzte die Stadt nicht sichtbar, aber die Folgen waren gravierender: Blei, Cadmium und Schwefelsäure wurden aus dem Schornstein in die Luft geschleudert und reicherten sich im Boden an. Die Luftverschmutzung durch Schwermetalle lag 1993 600 Mal höher als der gesetzlich festgelegte Grenzwert.

Der Boden bleibt jahrzehntelang verseucht

Cabosin wurde 1993 geschlossen, Sometra musste die Produktionsanlagen sanieren, dadurch sanken die giftigen Emissionen um 50 Prozent. Seit 2008 läuft die Buntmetallhütte nur noch auf 20 Prozent der Produktion, giftige Gase und Schwermetalle werden angeblich nicht mehr ausgestoßen.

Trotz der verbesserten Situation bleibt der Boden verseucht. 2008 lag die Belastung durch Blei an manchen Stellen 14-mal höher als der zulässige Grenzwert. Das fanden Wissenschaftler der Universität Cluj (Rumänien) heraus, als sie Bodenproben nahmen. Und immer noch haben die Kinder zu viel Blei im Blut. Forscher der Yale-Universität aus den USA untersuchten 31 Kinder im Zeitraum von 2000 bis 2010, 91 Prozent davon überschritten den zulässigen Grenzwert. Die Folgen sind Schäden im Gehirn, Nervenkrankheiten, Blutarmut, Niereninsuffizienz.

Trotzdem bauen die Menschen in ihren Gärten noch Gemüse an. Die meisten sind arm, sie haben keine andere Wahl.

Ärztin Istrate Anica (Foto: Uli Reinhard)

Ärztin Istrate Anica (Foto: Uli Reinhard)

Daniel Tudor Mihalache, Bürgermeister von Copşa Mică, kommentiert das mit einem Schulterzucken. Er ist Pragmatiker und sagt, die Zeiten waren schon schlechter in Copşa Mică. Er versucht den Menschen klar zu machen, dass es besser für sie ist, wenn sie Energiepflanzen auf ihrem Acker anbauen statt Kartoffeln. Bisher ohne Erfolg.

Am Stadtrand raschelt hellgelbes Schilf im Wind. Ein halber Hektar Versuchsfläche, um Schilfpellets daraus zu machen. Im nächsten Jahr will sich die Stadt eine Pelletpresse anschaffen. Bisher fehlte dafür das Geld, 5000 Euro.

Bürgermeister sucht verzweifelt Investoren

Die Schwermetalle sinken immer tiefer in den Boden. In zwanzig Jahren wird man in Copşa Mică wieder bedenkenlos Gemüse anpflanzen können, glaubt der Bürgermeister. Das ist optimistisch geschätzt. Wissenschaftler vermuten, dass es mindestens 60 Jahre dauern wird, bis die Schwermetalle aus den obersten Erdschichten ausgewaschen sind.

Daniel Tudor Mihalache kämpft gegen den schlechten Ruf seiner Stadt. Er weiß, dass Copşa Mică nur eine Chance hat, wenn er Investoren findet, solche, die nichts zu tun haben mit Gift und schnellem Tod. Aber bisher ist noch keine Alternative in Sicht.

Wenigstens plant Sometra, die Produktion umzustellen und Industrieabfälle zu verwerten statt sie zu produzieren. Bis 2014 muss Sometra den Umweltrichtlinien der EU genügen. Immerhin: Das Umweltamt von Sibiu hält das neue Verfahren für ökologisch unbedenklich.

Daniel Tudor Michalache hofft auf eine Zukunft, in der die Arbeiter von Copşa Mică ihre Gesundheit nicht gegen Geld tauschen müssen. Die meisten, das weiß er, würden lieber früher sterben, als arbeitslos zu sein.

Die Arbeiter sterben mit fünfzig Jahren

Da ist der alte Gießer aus der Fabrik, dessen Hand taub wurde, so dass ihm das Glas entgleitet, wenn er daraus trinken will. Er sammelt heute Altmetall, denn dazu braucht er nur eine Hand. Da ist der Arbeiter aus der Spezialtruppe für besonders gefährliche Aufgaben. Er hat alle Zähne verloren, aber sonst geht es ihm gut, sagt er. Nur seine Kollegen, neun von zwölf, liegen heute auf dem Friedhof. Sie starben mit 50, 52, 55 Jahren. Da sind gelähmte Kinder, Menschen mit Blut in der Lunge, Spastiker.

Der Bürgermeister (Foto: Uli Reinhard)

Der Bürgermeister (Foto: Uli Reinhard)

Die Ärztin Istrate Anica vom Krankenhaus in Copşa Mică will sie nicht kennen. Ihre braunen Augen huschen nervös durch das Behandlungszimmer. Wenn man sie darauf anspricht, dass die Menschen schneller sterben in Copşa Mică, lacht sie. „Der eine raucht mehr, der andere raucht weniger, der eine wird krank, der andere nicht.“ Dass die Lebenserwartung in Copşa Mică niedriger ist als anderswo, hält sie für eine Lüge.

Wenn sie aus dem Fenster schaut, fällt ihr Blick auf die Türme von Sometra. Als Fabrikärztin behandelte sie Mitte der neunziger Jahre die Familien der Arbeiter.

Die Mitarbeiter wurden nach einer akuten Bleivergiftung in einem Sanatorium „entbleit“, erzählt sie. Nach vier Wochen waren die Werte im Blut wieder in Ordnung. „In den Medien wurden die Menschen hier als kleine Monster dargestellt. Das ist nicht fair.“

Istrate Anica kramt in ihrer Schublade nach den letzten Sterbefällen und liest die Geburtsjahre vor: 1931, 1935, 1936. „Draußen im Wartezimmer habe ich alte Damen sitzen, die schon über Neunzig sind. Was soll das also? Gibt es in großen Städten etwa keine Verseuchung durch Blei?“

Niemand will die Verantwortung übernehmen

Für die Kranken ist es fast unmöglich, eine Entschädigung zu bekommen. Fabian Costin Moldovan gehört zu den wenigen Fällen, die Sometra anerkannt hat. Fünfzehn Jahre lang hat er als Gießer in der Fabrik gearbeitet. Dann war sein Gesicht plötzlich gelähmt. Sometra musste die Behandlung bezahlen. Fabian Costin Moldovan ist heute arbeitslos; als Sometra 2008 die Produktion drosselte, wurde er entlassen. Er lebt mit seiner Frau, seiner Mutter und fünf Kindern in einer Zweizimmer-Wohnung. Trotz seiner Lähmung würde er sofort wieder bei Sometra arbeiten. „Wo sonst bekommt man 2000 Lei im Monat“, rund 500 Euro? Das ist viel in Rumänien.

Costin Moldovan hatte ein gelähmtes Gesicht (Foto: Katrin Langhans)

Costin Moldovan hatte ein gelähmtes Gesicht (Foto: Katrin Langhans)

„In Copşa Mică gibt es mehr Krankheiten als in anderen Orten Rumäniens“, sagt Constantin Tatu von der Grünen Partei Rumäniens. „Aber keiner will Verantwortung für die Kranken übernehmen.“ Bis 1989 war die Buntmetallfabrik staatlich, danach hatte sie diverse Besitzer. „Jeder schiebt die Verantwortung auf den anderen“, sagt Tatu.

Aber was bringt auch Geld, fragen die Menschen von Copşa Mică. Geld kann die Toten nicht zurückbringen, die Gesundheit auch nicht.

Die Menschen werden bleiben in Copşa Mică, sie haben sich an die Zustände gewöhnt. Sie werden rumänischen Elektro-Pop vor dem Supermarkt hören. Abends Schnaps trinken. Besucher um Zigaretten anbetteln. Sich in den grauen Wohnblocks ohne Licht zu ihrer Wohnungstür tasten. Und mit den Krankheiten leben, die sie bekommen werden. Irgendwann werden sie sterben. Aber heute oder in sechs Jahren, macht das wirklich einen so großen Unterschied?

Früher arbeitete fast ganz Copşa Mică in der Buntmetallfabrik, heute sind es nur noch etwa 190 Angestellte. Viele Einwohner sind arbeitslos. (Foto: Uli Reinhard)Die alte Frau wohnt nur etwa 300 Meter von der Fabrik entfernt. Sie klagt über starke Schmerzen in den Kniegelenken. (Foto: Katrin Langhans)Die Zwillinge spielen auf dem Friedhof vor der Arbeitersiedlung. Hier liegt ihre Großmutter begraben. (Foto: Katrin Langhans)Bis in die Neunziger produzierte Carbosin Ruß und überzog die Stadt mit schwarzer Schlacke. Heute erinnern nur noch die zerfressenen Türme an das „schwarze Copşa Mică“. (Foto: Katrin Langhans)Viele Menschen in Copşa Mică  glauben nicht mehr an eine bessere Zukunft. Vielen fehlt das Geld, um die Fabrik zu verklagen. (Foto: Katrin Langhans)Die Frau erzählt, dass ihr Kind im Alter von vier Jahren gestorben ist. Sie glaubt, dass die Schwermetalle daran schuld waren. Ihre kleine Enkelin ist gesund. (Foto: Uli Reinhard)Ein Mann pflegt das Grab seiner Frau. Sie war Schneiderin bei Sometra und starb im Alter von 37 Jahren. Jetzt kümmert sich ihr Mann alleine um die vier Kinder. (Foto: Katrin Langhans)In den neunziger Jahren trug Copşa Mică den Titel „schwarze Stadt“, heute erinnern nur noch wenige Häuser an die Vergangenheit. (Foto: Katrin Langhans)Viele Gebäude der Arbeiterwohnungen stehen heute leer, die Einwohnerzahlen haben sich fast halbiert. Der Bürgermeister hat für rund 230.000 Euro fünf neue Parks gebaut, damit sich die Leute wieder wohler fühlen. (Foto: Katrin Langhans)Die Tafel misst die Luftverschmutzung in Sibiu, Mediaş und Copşa Mică. Das Umweltamt möchte so Transparenz schaffen. (Foto: Uli Reinhard)Bis 2014 muss die Fabrik die Umweltauflagen der EU erfüllen. Bis dahin gelten Übergangsregelungen. (Foto: Katrin Langhans)Die Kinder in Copşa Mică haben heute immer noch zu viel Blei im Blut, fanden Forscher der Universität Yale heraus. Das kann zu Gehirnschäden und Nervenkrankheiten führen. (Foto: Uli Reinhard)