Elias ist der Jüngste in der Familie Schapes (Foto: Lena Müssigmann)

Elias ist der Jüngste in der Familie Schapes (Fotos: Lena Müssigmann)

Eurowaisen

Die Zurückgelassenen

Rumänien ist seit 2007 in der EU. Seitdem arbeiten immer mehr Rumänen im Westen, um das Leben der Familie zu finanzieren. Ihre  Kinder bleiben bei einem Elternteil, den Großeltern oder Nachbarn zurück. Im siebenbürgischen Dorf Malmkrog betrifft es jede fünfte Familie.

Von Barbara Opitz

Heute hat Christina Schapes ein Huhn geschlachtet. Es ist Sonntagnachmittag und die Reste abgenagter Knochen liegen immer noch auf den Tellern. Neben der Feuerstelle stapelt sich Geschirr, die Kartoffelbreikruste verrät, dass der Geschirrberg schon einige Tage alt ist. Malmkrog ist ein 1000-Seelen-Dorf im Herzen Siebenbürgens. Pastellfarben getünchte Sachsenhäuser säumen die Straße. In einem leben die Schapes, hinter dem großen Holztor, sechs Köpfe auf 50 Quadratmetern. Im Innern herrscht Chaos.

Küche, Kinder- und Wohnzimmer in einem. Die Kinder sehen gerade die Comic-Serie „Kleiner Fischclub“ (Foto: Lena Müssigmann)

Küche, Kinder- und Wohnzimmer in einem. Die Kinder sehen gerade die Comic-Serie „Kleiner Fischclub“

Christinas Mann Liebharth, 35, arbeitet als Hausmeister in Deutschland, 1400 Kilometer von seiner Familie entfernt. Gerade ist er für einige Tage zu Besuch, repariert Leitungen. Mit dem Geld, das er in Deutschland verdient, plant er eine Küche mit Wasseranschluss. Etwa 1000 Euro im Monat sind es. „Das ist in Rumänien viel“, sagt Christina.  Noch befindet sich die Küche im Rohbau. Übermorgen reist Liebharth wieder für drei Monate nach Deutschland, Christina bleibt mit den Kindern allein, versorgt die Tiere auf dem Hof.  Schweine, Hühner und ein Pferd. „Anders  geht es nicht“, sagt sie. Auch Christinas Mutter arbeitet als Pflegekraft in Deutschland – ihren Hof versorgt Christina mit.  Wenn Liebharth für ein, zwei Wochen zu Hause ist, herrscht Ausnahmezustand. „Die Kinder springen im Haus herum, wollen in seiner  Nähe sein.“ Besonders dem Ältesten, dem elfjährigen Johannes, fehle der Vater sehr.

350.000 Kinder im Jahr sind in Rumänien betroffen

Wie Schapes` geht es vielen Familien in Rumänien. Seit das Land in die EU eingetreten ist, arbeiten immer mehr Rumänen regelmäßig im Westen, um so das Leben der Familie zu finanzieren. Sie sind Spargelstecher, Putzhilfen oder Altenpfleger. Ihre Kinder bleiben zurück, wachsen bei nur einem Elternteil, den Großeltern oder Nachbarn auf. In Härtefällen kommen sie für einige Zeit ins Heim. Man nennt sie „Eurowaisen“. Im Fall Rumänien spricht Unicef von 350.000 Kindern im Jahr. Familien wie die Schapes, in denen nur ein Elternteil fehlt, gehören zu den harmlosen Fällen – sind eher Norm als Ausnahme. Doch auch für diese Kinder sind die Folgen von Verlustangst und überforderten Erwachsenen schwer absehbar. In Malmkrog betrifft das Phänomen mittlerweile jede fünfte Familie.

Christina Schapes ist die meiste Zeit allein für vier Kinder und den Hof verantwortlich

Christina Schapes ist die meiste Zeit allein für vier Kinder und den Hof verantwortlich

Melinda Buzogany (29) und ihr siebenjähriger Sohn Robert-Andreas (7) leben nur 300 Meter von den Schapes entfernt.  Robert-Andreas ist ein klassischer „Eurowaise“. Einen Vater gibt es nicht mehr, sagt Melinda kurz. Wenn sie einige Monate in Deutschland arbeitet, als Bedienung oder Putzhilfe,  passt die Oma auf den Siebenjährigen auf.  „Er vermisst mich sehr“, sagt die junge Frau. „Aber was soll ich machen?“

Bis zu 1300 Euro im Monat könne sie in Deutschland verdienen. Ein kleines Vermögen für einen Drei-Personen-Haushalt in Rumänien. Melinda will, dass ihr Sohn es einmal besser hat. Dafür zahlt sie einen hohen Preis. Am schlimmsten ist es,  wenn sie das Haus verlässt, um nach Deutschland zu gehen. „Der Bus fährt morgens los. Um sechs schleiche ich mich aus dem Haus, der Junge schläft noch. Es zerreißt mir jedes Mal das Herz“, sagt Melinda.

Kinder, die auf sich gestellt sind

Es gibt auch in Malmkrog Fälle, in denen die Kinder ganz auf sich gestellt sind. Eine Nachbarin von Schapes  hatte einen kleinen Jungen bei sich aufgenommen, dessen Eltern beide im Ausland arbeiten. Der Junge lebt jetzt bei der Großmutter. Christina kennt auch zwei  Jugendliche, 13 und 15,  die alleine im Haus der Eltern leben. Sie sind vielleicht alt genug, eine Weile auf sich aufzupassen, sagt sie.

Manchmal ist Christina traurig. „Ich kenne das Land nicht, in dem Liebharth lebt, habe keine Vorstellung, wie es dort aussieht.“ Dennoch würde sie niemals nach Deutschland mitgehen. „Hier ist unser Zuhause.“  Wenn der Küchen-Anbau einmal fertig ist, haben sie wieder mehr Geld. Liebharth könnte öfter zu Hause bleiben.

„Wir haben es uns nicht ausgesucht, getrennt zu leben. Wir machen es, weil wir es anders nicht schaffen würden.“  Christina steht in dem kahlen Raum, der einmal ihre Küche sein wird. Nur ein Telefon hängt an Kabeln befestigt die Wand herunter. „Wir nutzen das Zimmer schon jetzt – als Telefonraum. Hier stehen wir zusammen, die ganze Familie, und sprechen mit Liebharth – wenn der in Deutschland ist. Ein Ritual. Jeden Tag. Es ist teuer, aber das ist es uns wert.“