Pferdewagen steuern den Markt in Agnetheln an (Foto: Uli Reinhardt)

Pferdewagen steuern den Markt in Agnetheln an (Foto: Uli Reinhardt)

Pferdemarkt in Rumänien

Draußen vor dem Zaun

Auf dem Pferde- und Viehmarkt in Agnita lässt sich so ziemlich alles kaufen und verkaufen. Doch seit Rumänien in der EU ist, treffen strenge Richtlinien auf raue Männer und das pralle Leben. Ein Zaun soll Ordnung schaffen, doch er erhitzt die Gemüter.

Von Stefanie Maeck 

Adrian Moldovan zieht das Spray aus der Tasche. Er gibt das Glyceroltrinitrat unter die Zunge, gegen die Enge am Herzen. Adrian Moldovan, ein Mann mit Silberzahn, Schiebermütze und kugeliger Statur, steht am Rande des Pferdemarktes von Agnita. Er ist 49 Jahre und herzkrank. Er hat einen Plan: Mindestens drei Pferde will er für eine Operation in der Schweiz verkaufen, den Ärzten hier traut er nicht. Auch Sorina will er fortgeben, die neben ihm mit langen roten Fäden am Halfter steht. Doch plötzlich ist da dieser Zaun, der die Preise verdirbt. Er trennt die Bauern, die einen offiziellen Tierpass haben, von jenen, die ihn nicht besitzen. Adrian Moldovans Pferde stehen auf der falschen Seite vom Zaun. Die EU-Richtlinien 494/98 und 504/2008 sind daran schuld.

Adrian Moldovan muss Sorina verkaufen (Foto: Stefanie Maeck)

Adrian Moldovan muss Sorina verkaufen (Foto: Stefanie Maeck)

Es ist Mittwoch, Markttag in Agnita, einem Dorf im Harbachtal in Siebenbürgen. Männer mit schwarzen Hüten und altmodischen Pullovern rumpeln auf Kutschen vorbei, Frauen mit leuchtenden Kleidern, Großmütter mit hochgezogenen Strümpfen und Kopftüchern sitzen auf den Wagen mit Stroh. Ein Mann versucht seinen Hengst zu bändigen, hinter ihm blüht die Landschaft des Harbachtals. Viele Menschen im Tal leben von ihrem Vieh, ihre Pferde sollen rote Bommeln gegen das Böse schützen, ein Aberglaube, der sogar bei Säuglingen klappen soll. Die EU-Richtlinien, die Pferden einen Pass und eine Registrierung vorschreiben, treffen plötzlich auf Menschen und Mentalitäten.

Auch Musca Valetin ist sauer. Was er erlebt hat, macht ihn ratlos. Der Ungar trägt eine Stonewashedjacke und sieht den offiziellen Markt von Agnita nur von weitem. 25 Kilometer ist er heute früh von Copșa Mică mit Pferdewagen über die Straßen geholpert, um eine Stute zu verkaufen. Obwohl er den Kontrolleuren vom Veterinäramt Papiere zeigen kann, lassen sie ihn nicht rein. Zwei Polizeiwagen flankieren den Durchgang, ein Veterinär mit einem Scanner fährt die Pferdehälse ab. Letztes Jahr hatten sie auf dem Markt Probleme mit gestohlenen Tieren. Ein eingepflanzter Chip verrät nun, woher die Tiere kommen. Valetin wird abgewiesen, weil ein anderer Name in den Papieren steht. Er ist aufgeregt, er sagt, es sei das Pferd eines Freundes. Schafe, Schweine und Kälbchen rumpeln auf Karren an ihm vorbei. In der Luft tönt ein Gewirr von Sprachen.

Ein Chip verrät, ob Pferde gestohlen sind

Auch innerhalb des Zaunes, der EU-Welt, gibt es Stress. Gleich soll hier eine Landwirtschaftsshow mit Moderator starten. Ingenieur Eugen Devan fummelt hektisch am Mikrofon für die prominenten Gäste. Letzter Soundcheck. Eine Traube hat sich um die Verschläge mit Tieren gebildet. Wasserbüffel, Rinder und Schweine warten auf ihre Präsentation. Der Moderator schreitet um die Tiere und reicht dem Farmer Octavian Nastea das Mikrofon. Das Geld für seine Farm verdiente dieser in Echingen an der Donau, in fünfzehn Jahren bei Schlecker an der Kasse. Seit vier Jahren ist er zurück im Harbachtal. Die EU-Auflagen stellen für den Farmer kein Problem dar, die Papiere erledige sein Veterinär. Der Farmer stellt seine Gallowayrinder vor.

Nach ihm kommen die Wasserbüffel an die Reihe, der Moderator lobt, dass ihre Milch einzig nach einem Atomschlag zu trinken sei. Sie soll gefördert werden. Der Direktor der Agrardirektion von Hermannstadt beginnt zu sprechen. Er erwähnt die Ausgeschlossenen: „Ich bedauere, dass sie nicht hineinkönnen, weil sie keine Dokumente haben.“ Er macht eine kunstvolle Pause: „Draußen werden sie nur die Hälfte verdienen.“ Er schaut über den Zaun, dorthin wo fast nur Zigeuner stehen, das Lokalfernsehen folgt seinem Blick. Der Zaun, der über die EU-Auflagen wacht, wirkt derzeit wie ein Filter. Nach EU-Richtlinien müssen Pferde registriert sein, einen „Equidenpass“ besitzen, der als Gesundheitsnachweis und damit zugleich als Schutz vor Seuchen dient. Die Tiere tragen einen Elektrochip unter der Haut, der sie identifiziert. Eigentlich ist er passiv, doch bei Kontakt mit dem Lesegerät reagiert er.

Vor dem Zaun drängen sich Männer mit Pferden und Tieren. (Foto: Uli Reinhardt)

Handeln, Bommeln, Fachsimpeln

Auch Agnitas Bürgermeister Radu Curceanu sucht nach Erklärungen: „Die Zigeuner haben eine andere Mentalität“, glaubt er. Er steht halb in den Rauchschwaden eines der Fleischstände auf dem Markt, ein freundlicher Mann im dunklen Trenchcoat, der perfekt Deutsch spricht. Doch das „Draußenbleiben“ verletze auch den Stolz der Menschen. „Nur so werden sie versuchen, in die Legalität zu kommen.“ Ein kleiner Zigeunermann mit grauen Haaren unter der Schiebermütze steht vor dem Zaun. Er trägt mehrere Lagen aus Pullovern und dünnen Jacken. Traurig sieht er aus. Seine Familie stellt in Coveş Hofbesen aus Birkenholz her. Ihren Holzkarren haben sie mit Besen beladen, die sie für sechs bis sieben Lei verkaufen, wie viel sie verkaufen, sagt er, „weiß nur Gott“ – nicht die EU.

Raue Männer und Biolandwirtschaft

Doch im Eingezäunten spazieren auch einige stolze Zigeuner zwischen den Großlandwirten und ihren silbernen Viehtransportern. Ihre Gewänder leuchten, die Frauen tragen Kopftücher mit bunten Blumen. Sie sehen schön aus. „Preise vergleichen“ wollen sie, sagt eine Zigeunerin. Ungewöhnlich ist, dass die Frau bei den Zigeunern spricht. Normalerweise habe stets der Mann voran zu gehen. Der Übersetzer flüstert: „Zigeuner, die einen Stolz haben, haben eine Chance.“ Die Familie aus Mergeln besitzt mehr als eine Chance. Sie haben 17 Kühe, 220 Schafe und eine Stute mit roten Bommeln. Die Preise hier auf dem Markt sind ihnen „zu schlecht“, verkaufen wollen sie heute nicht.

Der Pferdemarkt ist eine Männerwelt (Foto: Uli Reinhardt)

Der Pferdemarkt ist eine Männerwelt (Foto: Uli Reinhardt)

Auch Gabriela und Joachim Cotaru aus dem Dorf Holzmengen bauen im Eingezäunten zwischen Schweinen, Essensständen und Schafen den Infostand des Vereins „Mikroentwicklung Harbachtal“ auf. Joachim Cotaru wurde in Deutschland geboren, gemeinsam mit seiner Frau kämpft er für die Regionalentwicklung des Tals. Er ist Manager eines Projektes, das für eine „zukunftsfähige Entwicklung des ländlichen Raumes unter den Bedingungen der EU-Mitgliedschaft“ sorgen soll. Am Marktstand verteilt er kostenloses Infomaterial, Notizbuch, Kalender und Lineal, alles wird von rauen Männern in schmutzigen Overalls aus der Hand gerissen. Ob sie lesen können, ist ungewiss.

Die unrasierten Männer tragen Fellmützen und erwecken nicht den Anschein, als würden sie sich für Biolandwirtschaft interessieren. Im Infomaterial könnten sie lernen, dass der Verein der Cotarus sich für regionale Lebensmittel und heimische Rassen engagiert, für kleine Biolandwirtschaft, nicht für exotisches Vieh. Als bei der Viehshow eine französische Rasse angepriesen wird, verzieht Cotaru skeptisch das Gesicht. Inzwischen haben sich auch die Holzbänke vor seinem Stand gefüllt, zischend werden Mititei gebraten, Würste aus Schweinehack, dazu gibt es Senf, Brot und Golden Bräu aus der grünen Flasche. Viele Männer steuern die Stände mit dem Schnaps an, starren glasig auf die Frauen.

Ist das Pferd geklaut?

Ein schüchterner Zigeunerjunge  wartet derweil mit seiner Familie am Ausgang des Marktes. Für seine Familie ist es nicht gut gelaufen, er spielt mit der Reitgerte. Für ihr Pferd wollten sie 900 Euro, doch keiner kaufte es. Nun wollen sie schnell nach Hause. Plötzlich taucht neben dem Pferd ein Veterinär auf, scannt den Hals, dann Geschrei und Diskussion. Ist das Pferd mit dem roten Kopfschmuck geklaut? Wieso steht der Wagen im eingezäunten Teil des Marktes? Die Situation ist unübersichtlich. Der Zigeunerjunge greift plötzlich panisch in die Zügel und zerrt sein Pferd im Trab vom Platz. Der Karren rumpelt, die Wagenachse ächzt, der Veterinär hebt wütend den Arm mit dem Lesegerät, doch er läuft nur ein paar lahme Schritte hinterher. Der Zigeuner verschwindet, rumpelt vorbei an der schönen Sorina. Die steht immer noch am Zaun angepflockt. Allein und unverkauft, doch mit roten Bommeln am Zaumzeug. Aberglauben hilft eben nicht gegen die EU – auch dann nicht, wenn es um Herzensangelegenheiten geht.

Ein junger Zigeuner führt Rinder und Kälbchen. (Foto: Uli Reinhardt) Der Zaun trennt die Landwirte, die die EU-Auflagen erfüllen, vom Rest. Veterinäre kontrollieren am Eingang des Marktes. (Foto: Uli Reinhardt)Zaumzeughändler halten Geschirr, Reitgerten und die typischen roten Bommeln gegen das Böse bereit. (Foto: Uli Reinhardt) Bewohner des Harbachtales und von weiter her kommen, um ihre Tiere zu verkaufen. (Foto: Stefan Junger)Es wird gehandelt und gefachsimpelt. (Foto: Stefan Junger)Besucher beim Essen und Trinken. (Foto: Stefan Junger) Der Markt hat auch Volksfestcharakter. (Foto: Stefan Junger) Die Tiere, die verkauft werden sollen, kommen zum Teil auf dem Pferdewagen nach Agnetheln. (Foto: Uli Reinhardt)  Der Markt ist auch ein Treffpunkt. (Foto: Stefan Junger) Besucher des Pferdemarktes. (Foto: Uli Reinhardt) Die roten Bommeln am Zaumzeug sollen das Böse vertreiben. (Foto: Stefanie Maeck) Deftiges wird auf dem Markt gekocht. (Foto: Stefan Junger)  Es geht heimwärts. (Foto: Stefanie Maeck)