Der König der Roma, Florin Cioaba (Fotos: Uli Reinhardt)

Der König der Roma, Florin Cioaba (Fotos: Uli Reinhardt)

Zigeunerkönig

Ein Herrscher zwischen den Welten

Von Barbara Opitz

Es ist nicht einfach eine Audienz beim König der Roma zu bekommen: Am leichtesten findet man ihn in der Kirche auf der Kanzel als Prediger. Ein Besuch bei Florin Cioaba, Sohn des großen Bulibasha, im siebenbürgischen Hermannstadt.

Am Ende der staubigen Straße biegt ein schwarzer Mercedes ein, seine Scheiben blitzen in der Sonne. Das Kennzeichen: REG-1111. „Rege“ heißt auf Rumänisch „König“. Staub wirbelt auf. Das muss er sein. Wir warten vor dem Maschendrahtzaun, der den Kirchenvorplatz von der Straße trennt. Die Kirche gleicht einem griechischen Miniaturtempel aus Pappmaché, ein Hund liegt wie tot in der Sonne, sonst nichts. Nur schemenhaft ist die bullige Statur Florin Cioabas, 57, Sohn des großen Zigeunerkönigs Ion, durch die getönten Scheiben zu erkennen. Er würdigt uns keines Blickes.

Die Gottesdienstbesucher klagen und beten auf den Knien

Die Gottesdienstbesucher klagen und beten auf den Knien

Eine stämmige Frau mit zwei dünnen, grauen Zöpfen steigt aus dem Wagen. Sie trägt einen mit Silberfäden bestickten, knöchellangen Rock, beäugt uns mürrisch, fragt, was wir wollen. „Wir sind mit dem König verabredet.“ Sie weist uns mit einer energischen Handbewegung an, in der Kirche zu warten. Zwei  Betonpfeiler flankieren das Eingangsportal, hinter der Kirche Brachland. König Florin Cioaba hat sie bauen lassen, in einem Vorort von Hermannstadt, drei Straßen entfernt von seinem Palast, in dem er als König und Vizepräsident der International Romani Union residiert. In der Kirche waltet er als Präsident des Christlichen Roma-Zentrums und Prediger einer Pfingstbewegung. An die zwölf Millionen Roma soll es auf der Welt geben. Florin Cioaba vertritt die größte Gruppe, die Kupferschmiede, „und all diejenigen, die es wollen“.

Er habe fünf Minuten, sagt Cioaba, als er die Kirche betritt. Sein Interesse an Journalisten scheint begrenzt, ein Repräsentant, der nicht gern repräsentiert. Beleidigt habe man den Regenten, heißt es von Seiten der Roma-Gemeinde. Journalisten hätten nicht immer Wahres geschrieben. Nur wenige Nicht-Zigeuner, „gadžo“, haben Kontakt zum König, Gerüchte gibt es dagegen viele: Einige behaupten, dass immer noch sein Vater, Ion, regiere. Andere wissen mehr, sagen, Florin habe nicht das Kaliber des alten Königs, seine Arbeit beschränke sich auf Triviales, etwa auf die Produktion einer Roma-Puppe, durch die rumänischen Kindern die Kultur der Roma nähergebracht werden soll. Sogar von mehreren Romaführern ist die Rede. Der Erzfeind der königlichen Familie soll ein selbsternannter Roma-Kaiser sein, der in direkter Nachbarschaft des Palastes lebe.

Pünktlichkeit und Fleiß hat er von den Deutschen gelernt

Wortkarg führt uns Cioaba in einen kleinen Hinterraum, dessen Wände mit Fotografien tapeziert sind. Mehrfach ist die Krönung des Vaters zu sehen, dazwischen eine Nahaufnahme von Luminita, eine Schwester Florins, die als einzige Dichterin der Roma gilt. Daneben Aufnahmen, die Elvis Presley und Charlie Chaplin zeigen. „Das wissen die wenigsten“, sagt der König mit wichtiger Miene. Beide hätten eine Romni zur Mutter. Danach stellt er sich kurz dem Interview: Vier große Probleme hätten die Roma. Soziales, Wohnungen, Bildung und medizinische Versorgung. In verschiedenen Organisationen setze er sich für die Armen ein. In Europa haben die Roma keine Stimmen. Ihm seien die Hände gebunden, „wir sind zu wenig, haben kein Land“. Er mag die Deutschen, sagt er noch. Sachsen hätten früher in seinem Viertel gelebt. Pünktlichkeit und Fleiß habe er von ihnen gelernt.

Dann wird es bunt in der Kirche Cioabas: Frauen mit gemusterten Röcken, Männer mit spitzen Hüten nehmen auf den Polstermöbeln Platz. Das Interview ist beendet, die Predigt beginnt.

Der König der Roma, Florin Cioaba, in seinem Thronsaal

Der König der Roma, Florin Cioaba, in seinem Thronsaal

Cioaba spricht von der Kanzel mit erhobenem Zeigefinger zu seinen Leuten, von Zusammenhalt und dem Auszug der Israeliten aus Ägypten. Hinter ihm ziert das Poster eines Wasserfalls die Wand. Mit lautem „Amen“ bekräftigen die Besucher seine Worte. Sie verziehen das Gesicht, weinen und klagen. Cioabas Handy klingelt, „Halloooo“, ruft er hinein und gleich darauf ein „Halleluja“ in den Raum. Zwei Roma-Frauen stehen am Mikrofon und singen Kirchenlieder zu Westernmelodie.

Am Ende winkt uns Cioaba noch einmal heran. „Morgen im Palast, elf Uhr“, sagt er. Wir haben uns nicht verhört. Er gibt eine Audienz. Vielleicht hat der König doch noch mehr zu sagen.

In der Zwischenzeit machen wir uns auf die Spuren des ominösen Kaisers, der in der Nähe der Kirche wohnen soll. Eine alte Dame mit wässrig-blauen Augen winkt uns heran. Sie sei die einzige Sächsin im Viertel. Heute wohnten hier nur noch Roma, sagt Elisabeth, so heißt sie.

Kaiser Julian flüchtete über Nacht

Wohnt auch Kaiser Julian hier? Sie zeigt auf ein Haus mit Erkern und Säulen. Der Vorgarten wuchert, die Fenster sind zerschlagen, aus den Mauerritzen wächst Gras. „Er hat nichts zu sagen“, winkt sie ab. Julian ist mit König Florin über ein paar Ecken verwandt. Nach einem Familienstreit wollte Julian zeigen, wer der Stärkere ist. Kurzerhand ließ er sich zum Kaiser krönen. „Später hat er Geld seiner Leute eingeheimst – Entschädigungszahlungen aus der Ceauşescu-Zeit. Viele Roma können nicht lesen und schreiben, sind aber trotzdem dahintergekommen.“ Drei Monate hat Julian Polizeischutz bekommen. Als die Beamten abrückten, wurde sein Haus kurz und klein geschlagen, der Kaiser flüchtete über Nacht.

Die richtigen Roma-Vertreter, da ist sich Elisabeth sicher, das sind die Cioabas. „Der Alte war ein Teufelskerl“, sagt sie beinahe anerkennend. Einmal war sie im Palast. Zur Hochzeit Luminitas. „Eine entsetzlich geschmacklose Einrichtung“, sagt Elisabeth. „Da hatte nichts Hand und Fuß.“ Bei der Feier hätten der alte Ion Cioaba und seine Männer auf dem großen Elfenbeintisch getanzt. „Die haben den Hammel mit bloßen Händen verschlungen. Und Mengen Rotwein verschüttet“, sagt sie immer noch etwas konsterniert. Zu Florin, dem heutigen König, kann sie nicht viel sagen. „Er ist Pfingstler, trinkt keinen Alkohol.“

Geschlechter sind strikt getrennt: Männer auf der linken, Frauen auf der rechten Seite

Geschlechter sind strikt getrennt: Männer auf der linken, Frauen auf der rechten Seite

20 Jahre ist die Thronbesteigung seines Vaters, Ion Cioaba, her. Damals ließ sich der große Bulibasha, Anführer der Kalderash, der Kupfer- und Kesselschmiede, in einer prunkvollen Zeremonie selbst zum König krönen. 10.000 Zigeuner sollen dabei gewesen sein. Krone und Zepter ließ er in Italien anfertigen, aus schwerem Gold, mit Smaragden und Rubinen gefasst. Das rumänische Verfassungsgericht erklärte die Ernennung als verfassungswidrig. Doch in der Welt der Roma wurde Ion als König akzeptiert. Schon 1989 hatte er bei den Vereinten Nationen einen Beobachter-Status erhalten. Ein Jahr später, nach dem Fall Ceaușescus, gründete er die erste Roma-Partei. Der Analphabet galt als  Mann der Tat: Für die NS-Morde von einst forderte Ion Cioaba kurz nach Thronbesteigung von den Deutschen Wiedergutmachung, insgesamt 3,5 Milliarden Mark – andernfalls, so drohte er, werde er Millionen Zigeuner nach Deutschland schicken – „auf nur ihnen bekannten Wegen“. Deutschland wies seine Forderung  zurück. 1997 starb der alte König und vererbte Krone und Zepter seinem einzigen Sohn Florin.

Vor der Audienz lässt uns Florin Cioaba die obligatorische Viertelstunde auf der Plastikbank vor dem Haupthaus warten, während er in Sichtweite gemächlich seinen Tee trinkt. Er sitzt unter einer grünen Markise, im Hof stehen drei Mercedes der S-Klasse und ein Maybach. Villenähnliche Anbauten mit Türmen, Erkern und Säulen umrahmen den Platz. Der gesamte Cioaba-Clan lebt hier, die Frau, zwei Töchter, zwei Söhne und deren Familien. Von der Straße aus hat der Palast hinter einem unscheinbaren Eisentor wenig Königliches: hundert Meter von einem McDonald entfernt, an einer vierspurigen Hauptverkehrsader. Der gesamte Güterverkehr zwischen Bukarest und Budapest brettert am Haus des Königs vorbei.

„Wir haben etwas Eigenes, wir sollten es leben dürfen“

Stoisch beantwortet Cioaba heute jede Frage. „In Frankreich wurden die Roma aus dem Land gejagt, in Italien in Ghettos gepfercht. In Tschechien vom Mob getötet“, sagt er. Sein massiger Körper steckt in einem schwarzen seidenen Anzug, die zu engen Lackschuhe trägt er ohne Socken. Seine Stimme dröhnt bassig über den zementierten Platz. „Eine Schande ist es, wie Europa mit meinem Volk umgeht.“ Er ballt die Faust, sein Gesicht wie versteinert. Nur einmal lächelt er, als das Gespräch auf Frauen kommt: „Ja, wir haben schöne Mädchen.“ Auch die Rumänen hätten das entdeckt. Er halte aber nichts von Mischehen. „Wir sind Hunderte von Jahren unter uns geblieben. Hätten wir das nicht getan, gäbe es uns Zigeuner nicht mehr.“

Vater Ion lebte noch im Zelt. Florin sagt, er sei der erste Zigeuner, der sesshaft wurde. „Als Vorbild, ich wollte, dass die Roma zur Schule gehen und medizinisch versorgt sind.“ Heute gibt es tatsächlich nur noch wenig Fahrende. Florin tupft sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn. „Mein Vater war der Größte von allen.“ Mit einer Geste winkt der König ein junges Mädchen heran. „Trei cafea“, drei Kaffee. Er scheint die Audienz spontan verlängert zu haben.

„Ich habe geschworen, sein Amt in Würde fortzuführen“, sagt er und wirkt zugänglicher. Abgaben von seinen Leuten beziehe er nicht, er habe Geld, sei Besitzer von Immobilien und metallverarbeitenden Firmen. „So ist das in unserer Welt. In der Welt der Roma. Reichtum ist wichtig, um sich Respekt zu verschaffen. Ein König, der kein Geld hat, was soll das sein?“

Vor ein paar Jahren gab es einen Skandal, als Florin seine 13-jährige Tochter mit einem 15-Jährigen verheiratete, bei den Roma üblich. Die EU protestierte – die Ehe wurde annulliert, Cioaba hatte lange mit der europäischen Presse zu kämpfen. Warum er immer noch keine klare Position zur Kinderehe bezieht, fragen wir. „Sie war zu jung, das sehe ich ein.“ Dennoch sei eine frühe Ehe wichtig für den Zusammenhalt und Tradition seiner Kultur. Er selbst wurde mit 14 verheiratet und sei glücklich. „Wie lange gibt es unsere Traditionen – und wie lange gibt es Europa?“, fragt er mit entwaffnendem Lächeln. Integration ja, Anpassung nein. „Wir haben etwas Eigenes. Wir sollten es leben dürfen.“

Zum Abschied fragen wir, ob wir den Thronsaal sehen dürfen, der des öfteren für Spott in der europäischen Presse sorgte. Der Hausherr ziert sich. Dann gibt er sich einen Ruck, stemmt sich aus dem Stuhl und schlürft in Richtung Haupthaus. Als sich die Tür öffnet entfährt uns ein lautes „Wow!“. Der Prunk erschlägt. Goldfarbene Möbel, goldener Stuck, Gemälde von Ion und Florin hoch zu Ross. Stolz tänzelnd verfolgt der König unser Staunen, fängt sich jedoch schnell wieder und zeigt dafür die Romafahne, blau-grün mit einem orangefarbenen Wagenrad in der Mitte, die 1971 auf dem für das erste internationale Romatreffen in London entworfen wurde. An der Tür drückt er uns noch seine Visitenkarte in die Hand. Dieses Mal nicht etwa die, von der so oft berichtet wurde, die ihn mit ernster Miene, Krone und Zepter als „International King of Gypsies“ zeigt. Sondern ein neues, schlichtes Kärtchen, auf dem sein Name und der seiner Firma nebst Telefonnummer steht, sonst nichts. Der König scheint gelernt zu haben.