Der verlassene Bahnhof von Cornatel (Fotos: Uli Reinhardt)

Der verlassene Bahnhof von Cornatel (Fotos: Uli Reinhardt)

Harbachtal

Es fährt kein Zug nach Nirgendwo

Früher war die Harbachtalbahn die Lebensader einer prächtigen Kulturlandschaft. 2001 wurde sie stillgelegt. Heute schlängeln sich ihre verrosteten Gleise durch eine Gegend voller Armut und Überalterung. Viele Menschen kämpfen dennoch für einen Aufschwung.

Von Dennis Yücel

Es riecht nach verbrannter Erde am Bahnhof von Cornatel, und Mihai Blotor hat ziemlich schlechte Laune deswegen. Monate haben er und seine Freunde gearbeitet, um in der Ruine ein wenig Ordnung zu schaffen und jetzt wäre beinahe alles umsonst  gewesen. Ein Bauer hat in der Nähe mal wieder brandgerodet, der Wind hat die Flammen herübergetragen und um ein Haar wäre das Gebäude mit der alten Waggonwaage abgebrannt. „Dummes Volks“, zischt Blotor, aber dann lässt er seinen Blick über die verkohlten Grasbüschel schweifen, die zwischen den Gleisen hervorstechen wie Wildschweinborsten, und lacht. „Wenigstens können wir jetzt die Gleise sehen. In letzter Zeit haben wir diesen Bahnhof etwas verwildern lassen.“

Das Dorf Holzmengen: Armut und Überalterung (Fotos: Uli Reinhardt)

Das Dorf Holzmengen: Armut und Überalterung

Blotor versucht mit seinem Verein seit neun Jahren die Harbachtalbahn wieder in Gang zu setzen, die 2001 stillgelegt wurde. Cornatel war einmal ein wichtiger Rangierbahnhof zwischen auf der Hauptstrecke von Hermannstadt nach Agnetheln. Die Schmalspurbahn war damals die Lebensader des Tals am Fuß der Fogarascher Berge. Das Harbachtal war Kernland der Sachsen, noch heute ist es von ihrer mittelalterlichen Architektur geprägt. Kirchenburgen zeichnen sich zwischen sanften Hügeln ab, im Hintergrund die weißen Kuppen der Berge. Doch seit die Bahn stillgelegt wurde, schlängeln sich ihre verrosteten Gleise durch eine ausgestorbene Landschaft, in der es kaum noch  junge Menschen gibt und fast niemand mehr Arbeit hat.

Es geht bei diesem Projekt weniger um Eisenbahnromantik, sondern um den Versuch, wieder Leben in das Tal zu bringen. Mihai Blotor ist 30 Jahre alt und arbeitet als Webdesigner in Hermannstadt, auch die anderen Mitglieder sind jung und gut ausgebildet. Es sind Ärzte, Architekten und Programmierer, die sich zweimal im Monat treffen, um Gleise freizulegen, alte Waggons oder Wassertürme zu restaurieren. „Es gibt in Rumänien für junge Menschen zwei Möglichkeiten“, sagt Blotor. „Entweder man verschwendet seine Zeit mit Computerspielen oder man sucht sich ein Projekt wie dieses hier.“

„Ein gequältes Leben“

Wie es um die Region steht, versteht man, wenn man das blendende Bergpanorama gegen einen Blick in die verschlammten Straßen der Dörfer tauscht. Hochfelden ist so ein Dorf. Es liegt ein in einem Talkessel, ein wenig abseits der Bahnstrecke.  Ein Großteil der Bevölkerung sind Roma, die sich mit ein paar Kühen und Hühnern selbst versorgen. Manche von ihnen machen sich im Frühjahr auf nach Polen, kaufen dort billige Klamotten und verscherbeln sie auf dem Rückweg. Daneben gibt es ein paar Alte im Dorf, die während des Kommunismus in die Fabriken von Hermannstadt ausgesiedelt wurden und nach der Wende als Rentner zurückgekehrt sind. Einer von ihnen ist Ioan Grunca. Der alte Mann hat ein Museum im ehemaligen Bankhaus des Dorfs gegründet, wo er  Wollbürsten und Ochsenpflüge, Maßkübel und verblichene Bilder von Kriegshelden ausgestellt hat. Dem ersten Akademiker der Region, August Lauriani, der an der Revolution von 1848 beteiligt war, hat er eine Büste gewidmet, dem Flugpionier Ioan Stoica als Denkmal einen Propeller gebaut, von dem schon jemand zwei Blätter gestohlen hat.

Mihai Blotor: Irgendwie wieder Leben ins Tal bekommen

Talfahrt

„Die Zeit ist hier stehen geblieben“, sagt Grunca und er sagt es nicht als Reiseführer-Floskel, die Pferdewägen und Zigeuner mit Schlapphüten meinen würde. Grunca meint nicht konservierte Vergangenheit, sondern ewige Gegenwart. Seit Jahren läuft die alte Dorfuhr nicht mehr. „Früher haben die Menschen nach dem Rhythmus dieser Uhr gelebt“, sagt Grunca. „Sie hat für die Schulkinder und die Feldarbeiter geläutet.“ Aber jetzt gibt es nichts mehr, für das sie läuten könnte. Nichts passiert mehr und nichts kommt. „Es ist ein gequältes Leben hier. Was sollen wir machen? Wir haben 500 Kühe im Dorf. Alles Bio. Aber niemand kauft unsere Milch, weil wir keine EU-Zertifikate haben.“

Einzig eine Hand voll Handwerker gibt es, die von ihrer Arbeit leben können. Nikolai Subtirel werkelt in einem kleinen Hinterhof zwischen Ferkeln und Hühnern. Er macht Körbe und Besen aus Bast und verkauft sie auf Bauernmärkten entlang der alten Eisenbahnlinie. Acht Menschen muss er damit versorgen, in manchen Monaten verdient er nicht mehr als 100 Lei, etwa 25 Euro. Im Dorf mache man sich lustig über ihn, sagt er. „Korbflechten ist für die bloß ein Zigeunerberuf.“

Regionalinitiativen kämpfen für den Aufschwung

„Man müsste Menschen wie Nikolai beibringen, auch andere Sachen herzustellen“, sagt Gabriela Cotaru. „Dinge, die sich an Touristen verkaufen ließen“. Cotaru hat mit ihrem Mann Joachim im Dorf Holzmengen eine alte Mühle restauriert und dort eine Bäckerei eingebaut. Sie stellen dort eine hochwertige und trotzdem erschwingliche Alternative zum allgegenwärtigen Industriebrot her. Rund ein Jahr habe es gedauert, bis die Menschen ihr Projekt akzeptiert hätten, sagen die Cotarus, was auch daran liege, dass die Bäckerin romastämmig ist.

„Mittlerweile bieten wir mit der Bäckerei einem Dutzend Menschen im Dorf ein Einkommen“,  sagt Joachim Cotaru. Die Cotarus haben auch den Verein Hosman Durabil gegründet, der die Regionalentwicklung vorantreiben will. Das Programm reicht von einer Kulturscheune mit Theateraufführungen und Kinderprogramm bis zu Projekten die sich für den Bau von Trockentoiletten einsetzen, eine Alternative zu den ortsüblichen Plumpsklos, die das Grundwasser verschmutzen.

 Der Korbmacher Nikolai Subtirel versorgt eine achtköpfige Familie (Fotos: Uli Reinhardt)

Der Korbmacher Nikolai Subtirel versorgt eine achtköpfige Familie

In den Dörfern entlang der Bahnlinie trifft man viele Menschen, die Initiativen für das Leben in dem verarmten Tal ergriffen haben. Zum Beispiel Restaurator Stefan Vaida  aus Hermannstadt, der mit seinem Bruder in seinem Heimatort Alzen ein kleines Museum gegründet hat, dazu eine Schule, an der Mädchen das siebenbürgische Webhandwerk lernen. In dem Museum gibt es Trachten von Sachsen und Zigeunern, Schmuck und Gebrauchsgegenstände, auch ganze bemalte Holztüren. „Die Mädchen, für die es im Dorf  überhaupt kein Angebot gibt, lernen etwas, mit dem sie später vielleicht Geld verdienen können“, sagt Vaida. „Und zusätzlich bleiben die die jahrhundertealten Muster und Webtechniken erhalten.“

Auch Vaida hofft, dass die Harbachtalbahn sein Dorf wieder erreichen und vielleicht Touristen in sein Museum führen wird. Ein Großteil der Gleise liegt hier noch, nur auf dem letzten Abschnitt vor Agnetheln gibt es Lücken. Die Loks wurden alle verschrottet, immerhin vier Waggons konnte  sein Verein gegen Altmetall eintauschten. Außerdem hat Blotors Verein mit Unterstützung des Eisenbahnministeriums eine alte Diesellok erworben, die gerade wieder  fahrtüchtig gemacht wird. Doch nicht nur Brandrodungen gefährden ihr Projekt. Ständig werden Dachziegel von neugedeckten Bahngebäuden gerissen, der Wirt einer Dorfkneipe hat vor einiger Zeit den renovierten Wassertank eines Bahnhofs als Müllkippe benutzt. „Die Alten verstehen nicht, was wir hier machen“, sagt Blotor. „Die sind im Kommunismus groß geworden. Wenn man sie auffordert, bei einer Bahnstrecke anzupacken, klingt das für die wie eine Drohung zur Zwangsarbeit.“

Der Tourismus als letzte Chance

Immerhin bei den Bürgermeistern ist das Interesse an der Bahn gestiegen. Sie hoffen, dass man mit einer Nostalgie-Bahn Touristen anlocken könnte. Radu Curcean, Bürgermeister von Agnetheln, unterstützt das Projekt seit Jahren. Von ehemals 15.000 Einwohnern während des Kommunismus ist das Städtchen auf knapp 11.000 Menschen geschrumpft. Allein in den ersten zwei Jahren nach der Wende sind rund 3800 Siebenbürger Sachsen nach Deutschland ausgewandert. Als Anfang 2000 der Bauboom in Spanien begann, sind noch einmal rund 1000 Leute gegangen. Vor ein paar Jahren hat man in Agnetheln noch versucht, Industrie anzusiedeln. Ein paar Unternehmen haben sich eingekauft, doch wirklich gebaut hat am Ende keiner. „Mittlerweile glaube ich, dass es keine andere Chance als den Tourismus gibt“, sagt Curcean. „Aber es ist ein Teufelskreis. Es gibt keine Pensionen, weil niemand in die Sehenswürdigkeiten investiert, und es gibt keine Investoren, weil es keine Übernachtungsmöglichkeiten gibt.“

Die Wiederbelebung der Bahn ist für Curcean die einzige Möglichkeit, den Knoten zu durchschlagen. „Die Bahn könnte das Rückgrat des Harbachtals werden“, sagt er. „Wenn die endlich wieder fährt, dann geht es hier aufwärts.“

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Als die Bahn im September 2010 ihr hundertjähriges Jubiläum feierte, fuhr ein Sonderzug auf dem instandgesetzten Teil der Strecke. Immerhin zwei Kilometer.

Ioan Grunca vor dem alten Uhrwerk: „Die Zeit ist stehen geblieben.“Gabriela und Joachim Cotaru vor ihrer MühleRestaurator Vaida: „Beim Wort Konservieren denken hier die meisten an Konservendosen.“Bürgermeister Curcean: Tourismus als letzte Chance. Ein Spindelmacher (links) mit einem Bekannten im Dorf Hochfelden.