Hightech in der öden Landschaft vor Hermannstadt: Beim Autozulieferer Marquardt wird mit neusten Technologien produziert (Foto: Uli Reinhardt)

Hightech in der öden Landschaft vor Hermannstadt:
Beim Autozulieferer Marquardt wird mit neusten Technologien produziert
(Foto: Uli Reinhardt)

Deutsche Firmen in Rumänien

Made in Germany? Fast!

Continental, Siemens, Marquardt, Metro – an den Hallen des Hermannstädter Industrieparks prangen auffällig viele deutsche Firmennamen. Derzeit stellen deutsche Firmen 55 Prozent aller Jobs im Kreis Sibiu. Doch es wird immer schwieriger, sie zu besetzen.

Von Lisa Rokahr

Je näher man an Hermannstadt kommt, desto enger wird es auf den Straßen, die Lastwagendichte steigt, vor dem Industriepark kriechen sie schließlich Stoßstange an Stoßstange voran. Das siebenbürgische Produktionszentrum ist erreicht. Deutsche Konzerne haben das Potenzial der Region längst erkannt. „Es ist hier ‚deutscher‘ als man vermutet“, erklärt Oswald Kolb, Werkleiter von Continental in Hermannstadt. Wo zehn Firmen seien, ginge auch die elfte hin, erklärt er die lokale Clusterbildung. Auffällig viele Automobilzulieferer siedeln sich in Sibiu an. Von Vorteil sei auch die sächsische Geschichte der Stadt, sagt Kolb. „Wir können uns leichter verständigen, und es geht verlässlicher und geordneter zu als in anderen Teilen Rumäniens.“

Die Schranke am Eingang des Continental-Geländes teilt rumänisches Ödland von deutschem Hightech. Die moderne Fertigungshalle und das neue ovale Entwicklungsgebäude könnten genauso gut in Deutschland stehen. Innen tragen alle Mitarbeiter weiße Anzüge gegen die elektrostatische Aufladung. Am Produktionsband wird das Steuergerät für VW-Getriebe gebaut. Roboterarme verweben haarfeine Golddrähte auf der Schaltplatte und transportieren sie dann weiter zu Arbeitern, die prüfen, ob die Qualität stimmt. Die ist deutsch, wie auch alle Abläufe aus den Mutterkonzernen genau übernommen sind. Die Arbeitskraft ist hingegen rumänisch, Maschinenbau hat in der Region eine lange Tradition.

Ein Mindestlohn von 162 Euro

Die Fachkräfte arbeiten in Rumänien für erheblich weniger Geld als in Deutschland. „Wir können hier Ingenieursknowhow zu deutlich niedrigen Löhnen abgreifen“, sagt Krottmayer. Der Lohnunterschied in der Montage liege im Vergleich zu Deutschland bei 1:10. „So können wir zu günstigen Konditionen hochwertige Teile produzieren.“ In Hermannstadt verdient ein ungelernter Arbeiter etwa 170 Euro netto, das Einstiegsgehalt von Ingenieuren liegt bei 300 Euro. „Erfahrene Ingenieure verdienen rund 1300 Euro“, sagt Jörg Prohaszka. Er ist Geschäftsführer des Deutschen Wirtschaftclubs Sibiu. Seit 2012 ist ein gesetzlicher Mindestlohn von 700 Lei (162 Euro) vorgeschrieben. Doch in Rumänien gibt es auch Wege, diesen zu umgehen.

Flexibilität macht sich bezahlt: „Je nach Bedarf können wir hier mal sechs Stunden, mal zwölf Stunden produzieren“, sagt Bernd Krottmayer (r.) von Star Transmission (Foto: Lisa Rokahr)

Flexibilität macht sich bezahlt: „Je nach Bedarf können wir hier mal sechs Stunden, mal zwölf Stunden produzieren“, sagt Bernd Krottmayer (r.) von Star Transmission (Foto: Lisa Rokahr)

„Wir deutsche Unternehmen müssen uns oft den Vorwurf gefallen lassen, dass wir Jobs in Deutschland vernichten“, beklagt Oswald Kolb. Dabei würden deutsche Stellen gerade dadurch gesichert. „Weil wir die Produktionskosten in Niedriglohnländern gering halten, garantieren wir teurere Arbeitsplätze in den Entwicklungsabteilungen  in Deutschland.“ Er nennt das „Teile der Wertschöpfungskette in Niedriglohnländer auslagern“, Gewerkschafter nennen das schlicht „moderne Sklaverei“.

Mehr Flexibilität als in Deutschland bieten auch die Produktionszeiten. Die Unternehmen können ihre Kapazität effektiver nutzen als in Deutschland. „Je nach Bedarf können wir hier mal sechs Stunden, mal zwölf Stunden produzieren“, sagt Krottmayer von Star Transmission. „Da mischt sich in Rumänien keine Gewerkschaft ein.“ Die Produktion in den Hallen von Continental läuft ebenfalls auf Hochtouren. „Wir produzieren hier 24/7“, sagt Kolb. „Letztes Jahr stand die Produktion nur an zwei Tagen still, das wäre in Deutschland undenkbar.“ Fast wirkt es, als schienen ihm Feiertage und Arbeitsschutz eine lästige Angelegenheit.

Die Produktionsabläufe sind identisch mit denen in Deutschland, aber die Arbeitskräfte sind billiger (Foto: Uli Reinhardt)

Die Produktionsabläufe sind identisch mit denen in Deutschland, aber die Arbeitskräfte sind billiger (Foto: Uli Reinhardt)

Ein großes Problem stellt der Mangel an Facharbeitern dar. Der Nachwuchs fehlt. Eine duale Ausbildung wie in Deutschland gibt es in Rumänien nicht. Die Leute werden von der Schule direkt auf den Arbeitsmarkt geworfen. Qualifizierte Arbeiter sind rar, und Ingenieure lassen sich ungern an die Werkbank stellen. Daher entwarfen Star Transmission und der Deutsche Wirtschaftsclub ein Programm, das Schulabgängern eine dreijährige Lehre anbietet. Der zweite Lehrgang startete seine Ausbildung im vergangenen Jahr, 20 Plätze werden jährlich vergeben, die Ausbildung ist nicht-staatlich. „Wir wollen den rumänischen Staat nicht vorführen, sondern handeln egoistisch nach unserem Bedarf“, betont Krottmayer.

Insel der Seligen im korrupten Rumänien

Trotz Fachkräftemangel scheint es kaum Abwerbung der Angestellten zu geben – zumindest unter den deutschen Konzernen. „Da herrscht bei uns im Wirtschaftsclub ein Gentleman’s Agreement“, berichtet Krottmayer. „Wir haben bei Star Transmission eine Abwanderung von unter zehn Prozent.“ Er versuche, in seine Arbeiter zu investieren, übernimmt Studiengebühren, zeigt Aufstiegschancen auf. Aber auch Verträge gegen die Abwanderung seien normal. „Wer bei uns seine Ausbildung absolviert, muss danach mindestens drei Jahre für uns arbeiten oder die Ausbildungskosten zurückzahlen.“ Das Problem blieben aber die besseren Gehälter im Ausland: „Spezialisten, die ins Ausland gehen wollen, die kann in Rumänien niemand  halten, auch nicht die beste Behandlung.“

Die deutschen Unternehmen sind keine Konkurrenz für lokale Betriebe, denn sie beliefern hauptsächlich den Mutterkonzern (Foto: Lisa Rokahr)

Die deutschen Unternehmen sind keine Konkurrenz für lokale Betriebe, denn sie beliefern hauptsächlich den Mutterkonzern (Foto: Lisa Rokahr)

Neben den niedrigen Löhnen besitzt Rumänien den Vorteil seines zentralen Standorts in Europa. „Die Lieferwege sind viel kürzer als aus den Billiglohnländern China und Mexiko.“ Besonders für die Zulieferer ist es wichtig, ihre Teile schnell zu den Produktionsstandorten in Deutschland, Polen, Tschechien oder Ungarn zu transportieren. Hinderlich sind allerdings die Straßenverhältnisse. Es fehlen Autobahnen und die bestehenden Schnellstraßen sind in schlechtem Zustand. Continental-Chef Kolb rät zur Gelassenheit: „Wer nicht damit umgehen kann, dass die Straßen katastrophal sind, die Heizung immer auf vollen Touren läuft und der Abfall nun mal nicht nur im Mülleimer zu finden ist, der hat in Rumänien als Expat nichts verloren.“

Zahlen zum Handel

Die deutschen Direktinvestitionen in Rumänien lagen im Jahr 2011 bei über fünf Milliarden Euro, ermittelte das Statistische Amt der Europäischen Union. Der Handel zwischen den Ländern nimmt zu. Deutschland exportierte 2011 Güter im Wert von knapp 9,4 Milliarden Euro. Das sind 19,3 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Der Import stieg sogar um 24 Prozent auf fast 8,4 Milliarden Euro. Damit ist Deutschland der stärkste Handelspartner Rumäniens.

Hermannstadt präsentiert sich als Vorzeige-Industriestandort. Während Rumänien von der Europäischen Union immer wieder aufgefordert wird, die Korruption im Land stärker zu bekämpfen, gilt Hermannstadt als Insel der Seligen. „Bürgermeister Klaus Johannis hat hier aufgeräumt“, sagt Prohaszka. Dass es überhaupt keine Korruption gebe, behauptet er nicht.

Deutsche Firmen expandieren

Für die lokalen Betriebe stellen die deutschen Unternehmen keine Konkurrenz dar. „Es gibt hier in erster Linie kleine Unternehmen, die den Binnenmarkt beliefern. Wir aber exportieren oder beliefern den Mutterkonzern“, sagt Oswald Kolb von Continental. Er würde gerne stärker mit den örtlichen Firmen zusammenarbeiten. „Aber die Qualität der rumänischen Zulieferer ist nicht hoch genug.“ Continental ist der zweitgrößte ausländische Arbeitgeber im Kreis Hermannstadt. Der Konzern hat insgesamt zehn Niederlassungen in Rumänien und beschäftigt 10.500 Mitarbeiter. Und Continental baut aus. „Unsere bestehenden Module sind zu 100 Prozent ausgelastet“, sagt Kolb. Derzeit entsteht auf 9000 Quadratmetern neue Produktionsfläche. Der Schaltsystemhersteller Marquardt verdoppelt seine Fläche ebenfalls, und auch Star Transmission schuf 2011 Platz, um ab 2013 für die neue A- und B-Klasse von Mercedes zu fertigen. Neue Investoren wie Al-Ko nach Hermannstadt sollen noch in diesem Jahr folgen, kündigt Prohaszka an.

Nicht alle sind so optimistisch: “Die deutschen Firmen werden weiterziehen”, glaubt ein Continental-Mitarbeiter, der seinen Namen nicht nennen will. „In fünf Jahren suchen sich die Investoren dann das nächste Land, wo sie noch billigere Arbeitskräfte bekommen.”