Heimat des Vampirs: Schloss Bran in Transsylvanien (Foto: Barbara Opitz)

Heimat des Vampirs: Schloss Bran in Transsylvanien (Foto: Barbara Opitz)

Besuch bei Dracula

Fürstchen der Finsternis

Dracula lebt, hat aber Schnupfen. Zwischen Gummimasken, schlechten Filmen und frechen Touristen kämpft der Fürst der Finsternis sein letztes Gefecht. Eine Tagebuch-Reise ins transsylvanische Bran – auf den Spuren von Jonathan Harker.

Von Tiemo Rink

Vor 100 Jahren starb Bram Stoker. Sein Roman „Dracula“ erzählt die Geschichte des englischen Rechtsanwaltes Jonathan Harker, der auf Einladung des Grafen Dracula in dessen Schloss nach Transsylvanien reist. Dort angekommen stellt er fest, dass sein Gastgeber erstaunlich lange Zähne hat, kein Spiegelbild wirft und nachts auf allen Vieren an der Außenwand seines Schlosses herumkrabbelt. Harker entschließt sich zu fliehen. Soweit Bram Stoker. Und heute?

7. Februar, Berlin

Wollte per Mail Kontakt zum Grafen aufnehmen. Telefonat mit Auslandsauskunft bleibt ergebnislos. „Dracula haben wir hier nicht“, sagt die Frau am anderen Ende der Leitung. Verzweiflung. Vor dem Schlafengehen bei Bram Stoker geblättert. Späte Bettruhe, unruhiger Schlaf. Vermutlich der Vollmond.

9. Februar, Reutlingen

„Garantiert nicht aus China“ – Horrormasken und Sonnenbrillen (Foto: Barbara Opitz)

„Garantiert nicht aus China“ – Horrormasken und Sonnenbrillen (Foto: Barbara Opitz)

Nachricht aus Rumänien. Man bietet mir Hilfe an. Ein gewisser „Alex“ behauptet, Marketing-Chef eines Schlosses im transsylvanischen Bran zu sein. Hier befände sich die offizielle Burg des Grafen. „Alex“ gibt an, gleich mehrere Personen zu kennen, die im Schloss als Dracula unterwegs seien. Bin irritiert, sage dennoch zu und bitte um Kontaktdaten. Fester Schlaf. Erwache mit der Frage, wie die Mehrzahl von Dracula lautet. Tendiere zu Draculi.

14. Februar, Reutlingen

Erreiche den Grafen auf seinem Handy. Große Freude. Dracula entschuldigt sich, er sei auf einer Feier und müsse gleich noch singen. Gelächter im Hintergrund, Gläserklirren. Bilde mir ein, den Fürsten der Finsternis lallen zu hören: „Wir sehen uns in Transsylvanien, mein Freund.“ Dann ist die Leitung tot. Schlage nach im Originaltext: „Der Graf scheint überhaupt ein komischer Kauz zu sein“, schreibt Harker. Fühle mich bestätigt.

5. März, Reutlingen, Recherche im Zeitungsarchiv

Schloss Bran wurde im 14. Jahrhundert auf einem steilen Felsen errichtet und liegt einige Kilometer von der Stadt Brasov entfernt. Schon zu Ceauşescus Zeiten wurde die ehemalige Festungsanlage mehrfach umgebaut, um als „Dracula-Schloss“ westliche Touristen ins Land zu locken. Zwar hat der rumänische Fürst Vlad Dracula III, der Bram Stoker zu seinem Roman inspirierte, niemals in Bran gelebt. Dennoch kommen jährlich rund 500.000 Besucher, um auf den Spuren des Fürsten zu wandeln.

Seitdem die rumänische Regierung das Schloss im Jahre 2006 an seine rechtmäßigen Eigentümer zurückgab, befindet es sich im Besitz von Dominic von Habsburg und seinen Schwestern Maria Magdalena und Elisabeth. Sie sind die Kinder von Prinzessin Ileana, die wiederum die Tochter der letzten rumänischen Königin Maria ist.

6. März, Reutlingen

Fühle mich betrogen, morgendliches Telefonat mit „Alex“. Das Dracula-Schloss nur Fiktion, Touristen-Abzocke und Geschäftsmodell? Keineswegs, beruhigt er. „Schloss Bran ist nicht das Haus vom Fürst Vlad Dracula, sondern vom Vampir Dracula. Nach seinem Tod als Mensch ist er hierher gezogen und lebt nun als Untoter in Bran.“ Bin beruhigt und bestätige meine Anreise für den 19. März. „Der Graf freut sich schon auf Sie“, schmeichelt „Alex“.

19. März, Bran

Erreiche Bran kurz vor Mitternacht. Hinter dunklen Bäumen liegt das Schloss, angestrahlt von Scheinwerfern. Ein alter Dackel trottet über die Straße, wedelt mit dem Schwanz und pinkelt an eine Laterne. Bin erfreut, dass sich die Lage des Tieres offensichtlich gebessert hat im Vergleich zu Harkers Zeiten: „Dann begann tief unten in einem Bauernhof an der Straße ein Hund zu heulen, ein langes, todestrauriges Weinen, wie vor Angst.“ Der Dackel kommt näher, schnüffelt an einem Mülleimer und verschwindet hinter einer Hauswand.

„Einfach zu viel Ananassaft“ – Dracula, erkältet (Foto: Barbara Opitz)

„Einfach zu viel Ananassaft“ – Dracula, erkältet
(Foto: Barbara Opitz)

Langsam nähert sich ein Polizeiauto und hält vor einem Non-Stopp-Supermarkt. Zwei plaudernde Beamte steigen aus und kaufen Kaffee. „Ich bin verabredet mit Graf Dracula. Wo steckt er denn?“, spreche ich sie an. Die Polizisten lachen und steigen in den Wagen. Seltsam. Stelle erleichtert fest, dass des Grafen Unpünktlichkeit schon Harker nicht verborgen blieb: „Ein peinliches Gefühl der Erwartung überkam mich. Alles, was mir zu tun übrig blieb, war, mich zu gedulden und den Anbruch des Tages zu erwarten.“

20. März, Bran

Im Dorf, 10:00 Uhr

Wo einst Jonathan Harker entlanglief, fahren heute Autos. Bis zum Horizont stehen Pensionen und Hotels, in der Ferne glitzert eine Eislaufbahn in der Mittagssonne. Passiere auf dem Weg zum Grafen diverse Holzbuden und Verkaufsstände. „Garantiert nicht aus China“, ruft eine untersetzte Frau und wedelt mit einer Horrormaske aus Gummi. Mein Gastgeber scheint im Dorf mittlerweile einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt zu haben.

Sein Konterfei prangt auf Aschenbechern, Küchenuhren und Kaffeetassen. Bin erstaunt, Stapel rumänischer Monopoly-Spiele in den Marktständen zu sehen. Hat man den Fürst der Finsternis jemals würfeln sehen? Auch Harker weiß nichts von der rumänischen Leidenschaft für Brettspiele, teilt jedoch grundsätzlich meine Bedenken: „Ich merkte, wie Furcht und Zweifel in mir aufstiegen. Wohin war ich geraten und unter was für Leute?“

An der Schlosstür, 12:00 Uhr

Werde von einem geschwächten Mann mit glasigen Augen an der Schlosstür erwartet – der Graf! Matter Händedruck, belegte Stimme, blasse Haut. Er müsse sich entschuldigen, eine Erkältung habe ihn gestern ans Krankenbett gefesselt.

Der Innenhof – Bram Stokers „Dracula“ diente beim Umbau des Schlosses als Vorlage (Foto: Barbara Opitz)

Der Innenhof – Bram Stokers „Dracula“ diente beim Umbau des Schlosses als Vorlage (Foto: Barbara Opitz)

Dracula hat sich sehr verändert. „Sein Gesicht war ziemlich – eigentlich sogar sehr – raubvogelartig; ein schmaler, scharf gebogener Nasenrücken und auffallend geformte Nüstern. Möglicherweise war auch sein Atem unrein, denn es überkam mich ein Gefühl der Übelkeit, das ich mit aller Willenskraft nicht zu verbergen mochte.“, schreibt Harker. Irritation.

Bemerke im Atem des Fürsten einen auffallenden Mentholgeruch. Dracula scheint zu frieren, zieht den Reißverschluss seiner schwarzen Trainingsjacke bis unters Kinn. Die ganze Woche habe er im kalten Schloss gestanden, während draußen die Sonne schien. Nach einem großen Glas Ananassaft kam dann die Frühjahrsgrippe.

Ziehe Stoker zu Rate: Es schien mir, als sei die ganze grauenvolle Kreatur mit Blut einfach durchtränkt; er lag da wie ein vollgesogener Blutegel.“

Jetzt also Ananassaft? Teile ihm meine Zweifel mit: „Ich dachte, Sie saugen Blut?“ Dracula putzt sich geräuschvoll die Nase. „Jaja, der alte Stoker. Was da so alles erzählt wird… “, sagt er. „Nun kommen Sie erst mal herein. Vorsicht, Stufe.“

Beim Graf in der Bibliothek, 14:07 Uhr

Der Graf macht einen niedergeschlagenen Eindruck. Resigniert rückt er ein schief hängendes Bild von Königin Maria gerade. „Das macht sie immer wieder. Ich habe sie schon so oft gebeten es zu lassen. Aber was will man einem Geist schon vorschreiben?“

Stelle fest, dass der Graf mit seinem Bild in der Öffentlichkeit hadert. Insbesondere die Filmindustrie findet sein Missfallen. „Diese Filme regen mich auf. Immer diese maßlosen Übertreibungen“, beschwert sich Dracula. „Ein erwachsener Mensch hat gut fünf Liter Blut im Körper. Wie soll ein einzelner Vampir in nur einer Nacht eine solche Menge trinken? Durch zwei kleine Einstichlöcher? Das sind Fakten, die im Kino einfach unterschlagen werden.“

Der Mitteilungsdrang des Fürsten überrascht mich nicht. Auch Harker vertändelte einiges an Zeit: „Da ich bemerkte, dass er gerne plaudere, und sei es nur um des Plauderns willen, so fragte ich ihn vieles über die Dinge, die ich bisher gesehen oder sonstwie erfahren hatte.“

Innenhof, 15:20 Uhr

Mein Gastgeber schreitet voran. Auf der Galerie zum prächtigen Innenhof läutet er eine Glocke. „Das ist eine Engelsglocke.“ Dracula stützt sich aufs Geländer und schaut über die Karpaten. „Bei jedem Läuten erschaffe ich einen Engel“, sagt er. „Ich habe eine ganze Armee von Engeln, die mir zu Diensten sind.“

Gegen Touristen sind sie jedoch machtlos.

Seitdem der Strom der Besucher nicht mehr abreißt, wird der Graf oft mit dümmlichen Fragen konfrontiert und müht sich um Aufklärung. „Dieser Aberglaube der Ausländer ist doch wirklich zu lächerlich“, ärgerte sich schon Harker.

Mein Gastgeber sieht das ähnlich: „Immer mehr Menschen glauben, man könne jeden Vampir mit einem Kreuz in die Flucht schlagen. Dabei ist entscheidend, was der Vampir in seinem früheren Leben für eine Religion hatte.“ Dracula lacht bitter. „Ich meine, da geht jemand durch Istanbul und will einen türkischen Vampir stoppen. Da lacht der doch nur und sagt: Was soll das, ich bin Moslem. Das ist eine Erfindung der Kirche, um den Handel mit Holzkreuzen in die Höhe zu treiben.“

Elende Geschäftemacherei, erst Hollywood, nun auch noch die Kirche. Verstehe gut, dass der Graf am Ende seiner Kräfte angelangt ist. Auf seiner Stirn stehen Schweißperlen, die Haut glänzt fiebrig. Sein hoher Haaransatz verdeckt die roten Flecken auf dem Kopf nur unzureichend. Ich nehme Abschied, der Graf geleitet mich zur Tür.

Vor dem Schloss, 17:30 Uhr

Eine dunkelhaarige Rumänin wirft sich in Positur. Ein Bein durchgedrückt, das andere weit ausgestellt posiert sie vor der Kamera ihres Begleiters. Der ist vom Anblick begeistert, wähnt sich unbeobachtet und drängt sie in eine Ecke.

An der Tür steht Graf Dracula und betrachtet seine Besucher. Er sieht müde aus. „Hallo, meine Freunde“, sagt er. „Bitte, kommen Sie herein! Vorsicht, Stufe.“

Alle kursiv gesetzten Zitate stammen aus Bram Stokers „Dracula“ in der deutschen Übersetzung von Heinz Widtmann.