Mit der Harley durch Transsylvanien: Musiker Maffay auf Spurensuche (Fotos: Peter Maffay Stiftung)

Mit der Harley durch Transsylvanien: Musiker Maffay auf Spurensuche
(Fotos: Peter Maffay Stiftung)

Peter Maffay im Interview

„Ich habe einen gut ausgeprägten Mittelfinger“

Mit 14 Jahren flüchtete Peter Maffay mit seiner Familie aus Siebenbürgen. Nach mehr als vier Jahrzehnten kam er zurück und gründete in der ehemaligen Heimat ein Ferienzentrum für traumatisierte Kinder. Im Interview spricht der Popstar über Wurzeln, Versöhnung und sein rollendes „R“.

Ein Interview von Julia Reichardt

Sie sind im letzten Sommer mit einer Gruppe Hamburger Harley-Davidson-Fahrer durch Siebenbürgen gefahren, um Spendengelder für Ihre Kindereinrichtung in dem Dorf Radeln zu sammeln. Wie haben Sie den Bikern Transsylvanien schmackhaft gemacht?

Ich habe ihnen erzählt, dass es dort weniger Zäune gibt, dass die Wälder dichter, die Bäume dicker und die Wiesen duftender sind, dass es einfache Gasthöfe an jeder Landstraße gibt, in denen man für kleines Geld gut essen kann und lange trockene Sommer, in denen man leicht bekleidet biken kann.

Gilt das Gleiche fürs Wandern?

Aber natürlich. Die Karpaten haben fast unendliche Möglichkeiten. Wenn Sie an den Rand von Radeln gehen, wo wir unsere Kindereinrichtung haben, tanzt der Bär im wahrsten Sinne des Wortes. Das ist ein Stück wildes Europa. Rumänien ist ein Land, welches in vielerlei Hinsicht noch ein weißer Fleck auf der Landkarte ist.

Sie haben bis zu Ihrem 14. Lebensjahr in Siebenbürgen gelebt. Wie war das Leben dort als Siebenbürger Sachse? Vergleichbar mit dem eines Türken in Berlin-Kreuzberg?

Nicht ganz. Aber die Diskriminierung hatte ähnliche Formen.

Gab es innerhalb der Gemeinde einen starken Zusammenhalt?

Klar, es gibt eine 800 Jahre alte siebenbürgische Kultur und Traditionen, die mir aber erst jetzt so richtig bewusst werden. Damals habe ich damit nichts am Hut gehabt, da hatte ich ganz andere Wünsche, Träume und Prioritäten.

Sind Sie stolz auf Ihre Wurzeln?

Diese Frage habe ich mir nie gestellt. In dem Wort Stolz steckt immer ein elitäres Verhalten und davor hüte ich mich.

Würde Ihnen das Wort Verbundenheit besser gefallen?

In Radeln kümmert sich die Stiftung des Künstlers um traumatisierte Kinder

In Radeln kümmert sich die Stiftung des Künstlers um traumatisierte Kinder

Ja. Ich beschäftige mich ja erst seit drei Jahren mit wirklich meinen Wurzeln. Diese 800 Jahre siebenbürgische Existenz in Rumänien haben Leistungen und Errungenschaften in der Rechtssprechung, der Verwaltung, im Bildungswesen und Handwerk hervorgebracht, durch die die Region eine Blütezeit erlebte. Allerdings haben die Siebenbürger das, was sie für sich in Anspruch genommen haben, nicht ohne Weiteres mit anderen Nationalitäten geteilt, sondern schön für sich behalten.

Siebenbürger heirateten nur untereinander.

Heute wohl nicht mehr. Früher war das ein Weg, um Völkermischung zu verhindern – ein Geschwür, das in einer aufgeklärten Gesellschaft keinen Platz haben sollte.

Die deutsche Minderheit hat in der Zeit, als Sie in Siebenbürgen lebten, starke Repressalien erleiden müssen.

Das ist auch verständlich. Die Deutschen haben Rumänien besetzt. In der Gegend zwischen den Karpaten und der Donau sind große Erdölvorkommen, die die Wehrmacht beschlagnahmte, um sich bei ihrem Vormarsch auf Russland versorgen zu können. Die 16-, 17-Jährigen wurden damals geradezu verlockt, in die Wehrmacht einzutreten.

Ihr Vater auch?

Natürlich, mein Vater ist im Alter von 17 Jahren Verbindungsflieger geworden. Das wurde diesen jungen Leuten als riesengroßes Abenteuer verkauft. Nach dem Krieg haben die Rumänen gefragt, auf welcher Seite wart ihr? Dann ging es los mit Deportationen, Verhaftungen, Folter.

Zur Person

Peter Maffay wurde als Peter Alexander Makkay 1949 in Siebenbürgen geboren und wanderte mit 14 Jahren mit seinen Eltern nach Waldkraiburg (Bayern) aus. Mit seinem Schlager „Du“ gelang ihm 1970 der Durchbruch. In den achtziger Jahren wechselte er zur Rockmusik. Außerdem füllt er mit dem Drachenmärchen Tabaluga Deutschlands Stadien. Für sein gesellschaftliches Engagement für traumatisierte Kinder erhielt er unter anderem 1996 das Bundesverdienstkreuz. Bis heute hat Maffay 40 Millionen Tonträger verkauft. Er ist in vierter Ehe verheiratet, lebt mit Frau und Sohn in Bayern und auf Mallorca.

Ihr Vater verschwand oft mehrere Tage.

Ja, mehrmals. Er hat auch in der Verbannung gelebt.

Hat er darüber mit Ihnen geredet?

Nein, ich hätte es sonst ausplaudern können.

Und später?

Ja, aber nicht sehr ausgiebig. Und ich habe nicht genau nachgefragt: Was haben sie mit dir gemacht? Haben sie dir Elektroden in die Nase gesteckt? Haben sie dich hungern lassen? Haben sie dich verprügelt? Gewalt haben Sie angewendet, das weiß ich.

Sie sind in Siebenbürgen herangewachsen, haben dort Ihre erste Liebe erlebt: Wovon fiel Ihnen die Trennung am schwersten?

Bei der Liebe wusste ich, da kommen noch welche danach. Die Freunde zurückzulassen, das war schon schwerer. Aber auch das habe ich relativ schnell überwunden, weil die meisten danach selbst ausgewandert sind und das Abenteuer einfach zu groß war.

War die Flucht schwierig?


Mein Vater hatte einen Ausreiseantrag gestellt, das hatte zur Folge, dass der Staat sagte. „ Wir sind euch wohl nicht gut genug, dann lassen wir euch das auch spüren.“ Mein Vater war arbeitslos. Wir mussten ein Jahr lang von dem Wenigen, was wir verkauften, überleben.

Als Sie nach Deutschland kamen, sprachen Sie bereits Deutsch. Gibt es Unterschiede zum Siebenbürgischen Dialekt?

Das „R“.

Das schöne „R“.

Sie sprechen freundlicherweise vom „schönen R“, ich habe das in Deutschland auch anders gehört. Es gibt hier Schmalspurdenker, die einen zynisch diskriminieren, wenn etwas ein bisschen anders klingt – selbst Leute, von denen man denken würde, dass sie aufgrund von Bildung zu besseren Reaktionen in der Lage wären.

Haben Sie versucht, sich das „R“ abzugewöhnen?

Wem hätte ich diesen Gefallen tun sollen?

Haben Sie es absichtlich kultiviert?

Ich habe es weder kultiviert, noch habe ich mich darum bemüht, es mir abzugewöhnen.

Dann waren Sie mit 14 Jahren bereits sehr gefestigt.

Nein, ich habe einen extrem gut ausgebildeten Mittelfinger. Ich habe immer den Mut meines Vaters bewundert, den er an mich weitergegeben hat. Ihr könnt mich einsperren und versuchen mich zu brechen, sagte er, ich werde meine Meinung sagen, und irgendwann wird es Leute geben, die sie hören wollen. Das ist konsequent.

Warum haben Sie nach mehr als vier Jahrzehnten Ihre alte Heimat Siebenbürgen wieder aufgesucht?

Weil Freunde mir immer wieder sagten, dass ich noch rumänische Wurzeln in mir trage. Wenn ich ihnen antwortete, Rumänien interessiert mich nicht, dann sagten sie, das wird sich genau in dem Moment ändern, in dem du die erste Berührung mit deiner alten Heimat hast. Wie die erste Liebe, von der bleibt zeitlebens immer etwas übrig. Wenn es eine glückliche erste Liebe war, dann bleibt die Illusion des Ewigen, der Purismus der Empfindung, dann bleibt jede Pore, jede Empfindung, Geräusche, Gerüche, alles bleibt lebendig.

Können Sie sich an das Gefühl erinnern, als Sie zum ersten Mal wieder Fuß auf Siebenbürgen setzten?

Ich bin aus dem Hotel hinausgegangen und bilde mir ein, dass ich die Luft von Kronstadt gerochen habe.

Was war das für ein Geruch?

Man riecht in der Stadt den Wald drumherum, Kronstadt ist umschlossen von den Karpaten. Jetzt weiß ich, was ich die ganzen Jahre vermisst habe, den Geruch von Eichenwald. Von schönen, tausend Jahre alten Bäumen.

Fühlen Sie sich jetzt, nachdem Sie Ihre Wurzeln wiedergefunden haben, zufriedener?

Alles ist runder geworden, ich kann mich leichter positionieren, ich weiß noch mehr, warum ich hier und gern in Deutschland bin.

Sie haben mit Ihrer Stiftung in Radeln ein therapeutisches Zentrum für traumatisierte Kinder gegründet. Ist die Situation der rumänischen Straßenkinder noch immer so schlimm?

Sie hat sich verbessert, aber gerade in den Dörfern, wo wir arbeiten, liegt noch vieles im Argen.

Ihr Vater wollte nach seinen Erlebnissen mit der Securitate nie wieder nach Siebenbürgen zurück. Wie konnten Sie ihn dennoch dazu bewegen, Sie nach Radeln zu begleiten?

Ich habe ihn gefragt: Was willst du deinem Enkel erzählen, wenn er dich fragt, wo du herkommst? Ist es nicht besser, wenn du mit deinen über 80 Jahren als lebender Zeitzeuge nachrückenden Generationen vermittelst, was in deinem Leben passiert ist? Das hat ihn dazu bewegt, bei der Eröffnung des Kinderheims auf die Bühne zu treten. Er sagte, ich stehe hier nicht als Redner auf dem Programm, ich bin gekommen, um Frieden mit meiner Vergangenheit zu schließen. Das fand ich gnadenlos gut.