Eginald Schlattner auf Lesereise in Dresden (Foto: Nancy Waldmann)

Eginald Schlattner auf Lesereise in Dresden (Foto: Nancy Waldmann)

Autor Schlattner im Interview

„Ich leide darunter, dass ich nicht verzeihen kann“

Eginald Schlattner ist ein anerkannter Schriftsteller, ein Pfarrer ohne Gemeinde und ein Verräter. Seine unrühmliche Vergangenheit während der kommunistischen Diktatur verarbeitete er in seinen Büchern. Doch Versöhnung suchte er vergebens. Gespräch mit einem Querkopf.

Ein Interview von Nancy Waldmann

Eginald Schlattner ist evangelischer Pfarrer und der bekannteste deutschsprachige Schriftsteller Siebenbürgens. Und er ist ein Verräter – so sehen ihn einige frühere Kollegen. Ende der fünfziger Jahre verhaftete ihn die Securitate, die stalinistische Geheimpolizei Rumäniens. Im Gefängnis gab er die Namen von fünf Schriftstellern preis, die später in einem Schauprozess zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. Schlattner ist bis heute den Anfeindungen ehemaliger Weggefährten ausgesetzt. Sein Roman „Rote Handschuhe“ von 2001, in dem er die Zeit im Gefängnis und seinen Verrat thematisiert, ist das wohl umstrittenste Werk rumäniendeutscher Literatur.

Eginald Schlattner liest aus „Rote Handschuhe“

Eginald Schlattner liest aus „Rote Handschuhe“

Eginald Schlattner hat mit dem Schreiben abgeschlossen und seinen Nachlass bereits ins Archiv gegeben, dennoch war er im Frühjahr 2012 auf Lesereise in Deutschland und Polen unterwegs. Er stellte sein neues Buch „Mein Nachbar, der König“ vor, das gesammelte Texte aus seiner literarischen Vorzeit enthält. Laut Schlattner waren sie „von Mäusen angefressen“. Eine Doktorandin, die über ihn forscht, hatte sie auf seinem Dachboden gefunden und herausgegeben. Zuhause in Siebenbürgen lebt Schlattner allein auf seinem Pfarrhof in Rothberg bei Hermannstadt. Seine Gemeinde ist bis auf vier alte, kranke Seelen nach Deutschland ausgewandert. Jeden Sonntag um zehn Uhr hält Schlattner einen Gottesdienst samt Predigt vor komplett leeren Bänken. Um Gott und sich selbst zu trösten, wie er sagt.

Herr Schlattner, was ist Ihnen im Moment wichtiger: Pfarrer sein oder Schriftsteller sein?

Ich bin Pfarrer, nichts anderes.

Aber ein Pfarrer, dem die Schafe weggelaufen sind?

Wenn jemand zu einer anderen Konfession geht, dann bin ich verantwortlich, aber nicht wenn jemand nach Deutschland auswandert. Halb Rumänien wäre ausgewandert, wenn man ihnen auf dem Silbertablett den deutschen Pass gebracht hätte.

Sie hätten auch auswandern können. Warum sind Sie geblieben?

Es gab eine innere Stimme, die sagte: „Warte ab, bleib vor Ort.“ In Rothberg brauchen mich Menschen. Es gibt dort 1200 Zigeuner, arme Menschen, für die ich versucht habe, vieles zu bewegen. Aber es ist nicht die Geste des Märtyrers, des Letzten, der die Türe zusperren muss. In Deutschland wäre ich zugrunde gegangen vor Funktionslosigkeit. Ich bin liebend gern in Rumänien und habe dort alle Hände voll zu tun. Gott kennt mich hier bei meinem Namen.

Biographisches

1933 in Arad geboren, in Fogarasch aufgewachsen. Studium der Theologie (abgebrochen), dann Hydrologie und Mathematik. Initiator eines studentischen Literaturkreises an der Universität Klausenburg, der ins Visier der Securitate gerät. Schlattner, damals dem Kommunismus zugeneigt, wird verhaftet und sitzt zwei Jahre im Gefängnis. Dort gibt er fünf Kollegen preis, die später im sogenannten Kronstädter Schriftstellerprozess zu langen Haftstrafen verurteilt werden. Schlattner tritt in dem Prozess als Kronzeuge der Anklage auf. Nach der Haft Arbeit in einer Ziegelfabrik, 1973 erneut Theologiestudium, danach wird er Pfarrer in Rothberg. Der Exodus der Siebenbürger Sachsen macht Anfang der neunziger Jahre auch hier nicht halt, seine Gemeinde besteht noch aus vier Seelen. Auch Frau und Tochter leben in Deutschland. Schlattner bleibt zurück, er wird Gefängnispfarrer und beginnt zu schreiben. Zwischen 1998 und 2005 veröffentlicht er drei Romane, die ihm literarisch großes Ansehen bringen. Neben „Rote Handschuhe“ (2001) erscheint „Der geköpfte Hahn“ (1998), der die Zeit des Zweiten Weltkriegs in Siebenbürgen aus Sicht eines Heranwachsenden schildert, sowie „Das Klavier im Nebel“ (2005), dessen Geschichte in der Nachkriegszeit spielt. Alle drei Romane wurden verfilmt.

Was macht Siebenbürgen für Sie aus?

Das ist eine Lebensform, wo jeder den anderen respektiert, in dem, was er ist. Ich kann dort nicht Rumäne sein. Genauso kann ein Ungar, ein Jude oder ein Bulgare kein Rumäne sein. Ich bin in Rothberg und in ganz Siebenbürgen der Popa saşilor, der Pope der Sachsen. Es geht aber nicht nur um die Eigenbestimmung als Siebenbürger Sachse, sondern es geht darum, dass der Andere – also der Ungar, der Rumäne, der Zigeuner und so weiter – zu meiner Identität dazugehört. Weil er mich in dem bestätigt, was ich in meiner Eigenbestimmung bin. Und so kann jeder das sein, was er in Sprache und Kultur von Haus aus ist.

Sie mussten viele Konflikte in ihrem Leben austragen, als Schriftsteller, als Häftling der Securitate. Als Pfarrer ist es Ihr Job zu vergeben. Was macht man eigentlich als Pfarrer, wenn man jemandem nicht verzeihen kann?

Job? Berufung eher! Ich leide darunter, aber ich tue mich sehr schwer mit dem Verzeihen.

Da sind zum Beispiel Ihre Schriftstellerkollegen, die immer noch wütend auf Sie sind, weil Sie damals im Gefängnis bei der Securitate über sie ausgesagt haben. Einem wie Hans Bergel, der Ihnen bis heute deswegen die Hölle heiß macht, können Sie dem verzeihen?

Bergel kann ich verzeihen, weil ich ihn bedauere. Aber es gibt andere, denen ich nicht verzeihen kann und will. Dafür bete ich an jedem Freitagabend für die, die an mir leiden. Das sind immer noch viele. Gewiss, ich hoffe, dass sich die Dinge einmal einrenken.

Was haben Sie dafür getan, dass sich die Dinge einrenken?

In meinem Roman „Rote Handschuhe“, der vor elf Jahren erschienen ist, bin ich mit mir selbst ins Gericht gegangen. Ich hoffte, dass das Schule macht. Dass nicht nur ununterbrochen in der Vergangenheit des anderen gewühlt wird, sondern dass man sich auch seiner eigenen Vergangenheit stellt. Und ich erwartete, dass wir uns alle in Rothberg einmal an den runden Tisch setzen und uns darüber austauschen, was mit uns und durch uns bei der Securitate geschehen ist.

Ein solches Treffen hat nie stattgefunden. Das Gegenteil von dem, was Sie beabsichtigt haben, ist eingetroffen.

Genau das Gegenteil. Ich habe anonyme Drohbriefe bekommen. Darin stand „Wir haben Ihr Ende beschlossen. Sie werden wir totschlagen wie einen räudigen Hund…!“ Vier Seiten in diesem Jargon. – Der Verlag beantragte bei den Lesungen in Deutschland Polizeischutz.

Ihre Kollegen fühlten sich in dem Buch „ein zweites Mal verraten“.

Das Wort Verrat deckt nicht ab, was dort geschehen ist! Es war nur eine Frage der Zeit, wie lange einer Widerstand leistet und wann er sich ergibt. Dieses Wort Verrat ist inadäquat für das, was sich bei der Securitate abgespielt hat.

Verstehen Sie, was Ihre Feinde so verärgert?

Nein. Ich habe ja auch gegen mich geschrieben. Schule gemacht hat es nicht. Denn sie dagegen stellen sich ihrer Vergangenheit nicht in der Konsequenz radikaler Wahrhaftigkeit. Bei vielen, die sich als Opfer des Regimes dargestellt haben, stellte sich plötzlich heraus, dass sie selbst Informanten der Securitate waren. Was ich ihnen aber nicht verdenke. Man weiß, was die meisten durchgemacht haben, ehe sie Ja gesagt haben.

Sie haben Einsicht in Ihre Akten genommen.

Ja, ich habe sie jetzt bekommen, drei dicke Dossiers. Ich wundere mich über die Leute, die sich aufregen, die besten Freunde hätten sie verraten. Ja, wer hätte sie sonst verraten sollen? Es ist ganz klar, dass es die Allernächsten sind. Aber es ändert sich nichts in meinen Beziehungen.

Aber Sie lesen doch die Akten. Irgendetwas müssen Sie Ihnen bedeuten…

Ich hab sie nicht alle gelesen. Aber ich weiß, dass es nahe Freunde waren, es steht ja dort. Doch die Freundschaften zu diesen Menschen lasse ich mir jetzt nicht von der Securitate kaputtmachen. Das ist ein später Triumph der Securitate, dass sie uns jetzt gegeneinander ausspielt und aufhetzt.

Wie fühlen Sie sich, wenn sie die eigenen Securitate-Dossiers vor sich haben?

Ich fühle Dankbarkeit. Es sind dort Dinge aufgeschrieben, die vergessen waren. Briefe von unserer Tochter, verschollene Dokumente über die letzten dreißig Jahre. Es ist eine wundersame biographische Inventur. Und eine Familienchronik.

Sie beschreiben in „Rote Handschuhe“, dass Sie sich nach vier Monaten Haft entschieden, auszusagen. War es, weil Sie nicht mehr konnten oder hatte es die Securitate tatsächlich geschafft, Ihre Ansichten zu verändern?

Eginald Schlatter liest aus „Mein Nachbar, der König“

Eginald Schlatter liest aus „Mein Nachbar, der König“, Teil 2 | Teil 3

Es war eine Grenzsituation. Die Securitate hat mich verhaftet als ich gerade in die Partei eintreten wollte. Zu Recht forderten die Offiziere bei den Verhören, ich sollte meine ehrliche Absicht so beweisen, indem ich Stellung beziehe gegen die Staatsfeinde. Dann hoffte ich: Wenn sie Vertrauen zu mir gewinnen, dann bewahre ich vielleicht den Klausenburger-Literaturkreis und die 306 dort eingeschriebenen Studenten vor einem Monsterprozess. Dieser Kreis, wiewohl hochoffiziell, rangierte bei der Securitate als getarnter Geheimbund. Das waren meine Überlegungen. Aber ich war auch am Ende, nachdem ich mich vier Monate und neun Tage zur Wehr gesetzt hatte. All das hat sich in Zellenhaft abgespielt, auf sieben Quadratmetern, ohne Hofgang. Sollen wir jetzt eine Hierarchie aufstellen, wer länger Nein sagen konnte, wo man schon am ersten Tag erledigt war? – Glauben Sie, die Schriftsteller haben sich nicht gegenseitig belastet? Und die anderen in Untersuchungshaft. Man weiß es, nur sie schweigen. Jeder will Held sein, mir genügt der Anti-Held.

Welche Rolle spielen Ihre Bücher in Rumänien in der Auseinandersetzung mit der Securitate?

Gar keine. Die Rumänen gehen dem aus dem Weg. Jeder hat sich durchwurschteln müssen. Es gibt keine Auseinandersetzung wegen der Securitate. Das interessiert sie nicht.

Was denken Sie heute über den Kommunismus?

Ich bin heilfroh, dass wir ihm entronnen sind, aber auch beunruhigt über das, was ihn abgelöst hat. Die Zigeuner zum Beispiel mussten alle arbeiten im Kommunismus und brachten es zu einem gewissen Wohlstand. Ceauşescu hatte sie mit einem Federstrich als Rumänen deklariert, es gab sie in den letzten zwanzig Jahren vor der Revolution als Minderheit nicht. Die Zigeuner sind die großen Verlierer der Revolution.

Was schätzen Sie an den Zigeunern?

Ihre Lebensfreude und ihr Gottvertrauen. Ich hab jetzt ein Zigeunermädchen auf dem Pfarrhof, das sich mit 17, vom Bruder blutig geschlagen, auf meinen Pfarrhof gerettet hat. Sie ist für mich eine große Freude, singt, lacht, betet. Und auch eine große Hilfe. Natürlich ist sie anders als unsereins. Meine Frau hat an einem Tag sieben Zimmer geputzt und Carmen bringt es in einer Woche nicht auf sieben Zimmer.

Sie haben Ihre Frau seit fünf Jahren nicht gesehen. Was hat Sie entzweit?

Nur so viel: Nach 45 Jahren trennt man sich nicht wegen jemand anderem oder wegen etwas anderem. Sondern man trennt sich unter Tränen. Meine Frau hat es, Gott sei Dank, so angestellt,  dass ich dem Exodus nicht beiwohnen musste. Ich kam gerade aus Brüssel und Köln, wo meine Filme gezeigt wurden, und da war der Pfarrhof geräumt. Sie hat diese große Unternehmung an mir vorbei durchgeführt. Wofür ich ihr dankbar bin! Alles fein säuberlich aufgeteilt: mein antiker Sekretär, deine Vitrine, bis zum letzten Kaffeelöffel. Aber bitte vergessen Sie nicht: 45 Jahre lang haben wir uns umeinander bemüht.

Sie haben Ihren Nachlass schon zu Lebzeiten ins Archiv nach Hermannstadt abgegeben. Schreiben Sie jetzt gar nichts mehr?

Nein, in meinem Alter befasse ich mich nur noch mit der Familienchronik. Die geht ja bis 1467 zurück. Meine Seligkeit hängt nicht von meinen Büchern ab, und das schützt mich vor Unmut, Übermut, Hochmut.