Paul Philippi blickt aus dem Fenster seines Büros auf den großen Ring inmitten von Hermannstadt
(Fotos: Lena Müssigmann)

Siebenbürger Sachsen

Jammern hilft nicht

Als die Siebenbürger Sachsen zu Tausenden aus Rumänien auswanderten, zog einer von ihnen dorthin zurück: der Theologe Paul Philippi. Viele seiner Landsleute erklärten ihn für verrückt. Das Klagelied über den Niedergang der Heimat mag er nicht mehr hören.

Von Lena Müssigmann

Eine Gruppe Touristen lauscht vor dem Denkmal des Bischofs Georg Daniel Teutsch ihrem Fremdenführer Winfried Ziegler. Er erklärt, wie es Teutsch gelang, die deutsche Sprache und Kultur in der lutherischen Kirche Siebenbürgens zu verankern und damit zu retten. Hinter der Teutsch-Statue leuchten die Sandsteine der evangelischen Kirche golden in der Sonne. „Er ist einer der letzten aufrechten Sachsen“, sagt Ziegler. Aber er spricht schon gar nicht mehr über Teutsch. „Der Mann dort“, er zeigt auf einen alten Herrn, der nur noch von hinten zu sehen ist und den Oberkörper nach vorne gebeugt am Stock über den Kirchplatz von Hermannstadt spaziert. „Das ist Paul Philippi, der Ehrenvorsitzende des Deutschen Forums. Ein kluger, kritischer Geist. Als alle fortgegangen sind aus der Heimat, ist er aus Deutschland zurück nach Siebenbürgen gekommen.“

Wahrscheinlich ist Philippi auch einer der letzten, der das Reformwerk des Bischofs Teutsch hätte fortsetzen können – wenn es denn noch genug Siebenbürger Sachsen gäbe. Paul Philippi ist zwar in einer Zeit geboren, als noch mehr als  eine Viertelmillion von ihnen in Rumänien lebten, „aber heute sind wir vielleicht noch 15.000“, sagt er. „Und werden immer weniger.“

Krieg kostet Philippi den rumänischen Pass

Philippi ist 88 Jahre alt. Er sitzt am Konferenztisch in seinem Büro im Haus des Deutschen Forums in Hermannstadt. Die beigefarbene Krawatte mit weißem Muster erinnert auf der dunklen Kleidung an das Beffchen eines Geistlichen. Philippi träumte als Jugendlicher davon, Pfarrer in seinem Geburtsort Kronstadt zu sein. Geworden ist er es nie. Überhaupt ist sein Lebensweg anders verlaufen, als er sich jemals gewünscht hat. Doch er hat eine enge Beziehung zu dem Landstrich, in dem er geboren ist: „Heimat ist für mich das, wo einem die Maßstäbe für das eigene Leben zuwachsen. Und das ist bei mir eben hier.“

Hinter der großen Dachgaube des Forumsgebäudes liegt Philippis Büro

Er war knapp 20 Jahre alt, als die deutsche Wehrmacht in der Endphase des Zweiten Weltkriegs Soldaten an der Ostfront brauchte und die Rumänien-Deutschen rekrutierte. „Meine ganze Generation, 63.000 Mann, wurde per Staatsvertrag verkauft“, sagt er. Ein entsprechendes Abkommen zwischen Rumänien und Hitler-Deutschland wurde im Mai 1943 in Bukarest unterzeichnet. Falten ziehen sich über seine Stirn und die buschigen Augenbrauen legen sich auf den Rand seiner Brillengläser. Er hat nicht rebelliert. Vielmehr ist er als überzeugter Feind des bolschewistischen Russland für Hitler in den Krieg gezogen. Nach Ende seiner Kriegsgefangenschaft 1947 konnte er nicht nach Hause zurückkehren, weil ihm und allen anderen Siebenbürgern, die für Deutschland gekämpft haben, die Staatsbürgerschaft aberkannt wurde.

Philippi fing an, in Erlangen Theologie zu studieren, richtete sich auf ein Leben in Deutschland ein. Er heiratete, baute ein Haus und bekam mit seiner Frau fünf Kinder. An der Universität Heidelberg machte er als promovierter Theologe eine akademische Karriere. Trotzdem war ihm und seiner Familie klar: „Sobald sich die Möglichkeit ergibt, nach Siebenbürgen zurückzukehren, werden die Koffer gepackt.“ Es scheint, als wolle er die Wendung, die seinem Leben durch einen Vertragsschluss zwischen zwei Staaten gegeben wurde, durch die Rückkehr zu seinen Wurzeln rückgängig machen.

Mühsam steigt Philippi nun mehrmals die Woche die Treppen in den zweiten Stock des Deutschen Forums hinauf. Von seinem Büro aus hat er eine der besten Aussichten der Stadt. Er überblickt den sogenannten großen Ring, den größten Platz Hermannstadts, der von einer pittoresken Häuserkette umlagert ist. Gegenüber sieht er das runde Rathaus, gleich daneben ragt die katholische Kirche auf. Philippis Büro ist spartanisch eingerichtet. An der Garderobe hängt sein hölzerner Gehstock. Das Manuskript seines Vortrags mit dem Titel „Die Siebenbürgische Sprache“ liegt auf dem Schreibtisch. Philippi besitzt noch diese sprachliche Identität. Doch in und um Hermannstadt ist sie so selten geworden, dass man nun schon in Vorträgen daran erinnern muss. „Ich bin rumänischer Staatsbürger, aber ich bezeichne mich als Siebenbürger Sachse. Ich beherrsche die deutsche Schriftsprache, aber zuhause spreche ich Siebenbürger Sächsisch.“

Rückkehr provoziert Landsmannschaft

1979 war es soweit: Ein Hermannstädter Theologieprofessor ging in Pension, und Philippi wurde zunächst eine befristete Gastprofessur und später der Lehrstuhl angeboten. Er war damals 55 Jahre alt. Endlich zurück in die Heimat. Oder das, was davon übrig war. Denn seit Mitte der sechziger Jahre hatten immer mehr Siebenbürger Sachsen das Land verlassen, weil sie nach Ende des Zweiten Weltkrieges als Kollaborateure Hitlers galten und den Repressalien in der kommunistischen Diktatur unter dem Staatspräsidenten Nicolae Ceauşescu entfliehen wollten. Die Bundesrepublik Deutschland förderte den Exitus, indem sie der rumänischen Regierung bis zu 10.000 Mark für die Ausreise einer Person zahlte. Insgesamt flossen Millionensummen. Wenn er sich daran erinnert, wie er damals nach Hermannstadt zurückkehrte, schluckt er gegen Tränen der Rührung an. „Ein entscheidender Moment, jawohl.“ Erst als er mit einem alten Behördenbrief nachweisen konnte, dass ihn die rumänische Armee nicht zum Wehrdienst zugelassen hatte, und er damit vom Verrätergesetz ausgenommen war, bekam er seinen rumänischen Pass zurück. Dem Leben in der Heimat stand nichts mehr entgegen.

Philippi hat sich in mehreren Büchern mit dem Wandel in seiner Heimat beschäftigt

„In den Augen unserer Landsmannschaft“, wie sich die Verbände der Siebenbürger Sachsen in Deutschland nannten, „war ich ein schwarzes Schaf“, erinnert er sich. Vor allem die Pfarrer hätten sich provoziert gefühlt – sie sahen in Siebenbürgen für sich keine Zukunft mehr und fühlten sich düpiert, als Philippi ihnen das Gegenteil bewies.

Eine Etage unter Philippis Büro ist der kleine Saal im Forumsgebäude an diesem Abend brechend voll. Der Regisseur Günter Czernetzky stellt die Filmreihe „Oh Jammer im Harbachtal“ vor. Der Titel ist Programm: In Dorfporträts wird über den Weggang der Sachsen gejammert. Philippi sitzt im Publikum und wird nervös. Er mag das ewige Klagelied über die süße, verlorene Heimat nicht. Entsprechend kritisch äußert er sich über den Regisseur: „Der holt sich rumänische Studenten, die keine Ahnung über die Hintergründe haben und lässt sie auf die Tränendrüsen drücken.“

Dass die Kultur der Siebenbürger Sachsen verloren geht, beschäftigt ihn sehr. Aber er reflektiert den Wandel, statt sich der bloßen Traurigkeit hinzugeben. Er hat Bücher darüber geschrieben und herausgegeben, unter Titeln, die Fragen stellen, wie „Land des Segens?“ oder „Weder Erbe noch Zukunft?“. Seine Antworten sprechen Klartext: „Wir sind durchweg überaltert. Wenn keine Zuwanderung einsetzt, werden wir allmählich wegsterben.“

Ein Schwindel des Geldes wegen

Philippi gibt den Heimatverbänden in Deutschland eine Mitschuld am Ausbluten der Heimat. Anstatt die Auswanderer nach dem Sturz des Ceauşescu-Regimes zur Rückkehr zu ermutigen, hätten sie verbreitet, dass die Sachsen in Rumänien noch immer vertrieben werden. Denn nur unter dieser Voraussetzung konnten Neuankömmlinge in Deutschland Geld aus dem sogenannten Lastenausgleich beanspruchen. „Dabei war der Druck überhaupt nicht mehr da. Im Jahre 1990 zogen rumänische Demonstranten mit Fahnen und Schildern durch die Gassen und forderten die Siebenbürger Sachsen auf zu bleiben.“ Geblieben und zurückgekommen sind nur wenige.

„Ich weiß auch nicht, ob ich ein Rückkehrer oder ein Hiergebliebener bin“, sagt er. „Wir karikieren uns ja hier als die ,Zurückgebliebenen‘. Und weil wir Sachsen sagen, man fährt nach Deutschland hinauf, heißen diejenigen, die von dort zurückgekommen sind, die ,Heruntergekommenen‘.“ Ob zurückgeblieben oder heruntergekommen – „ich halte meinen Lebensweg jetzt durch. Inwieweit er Frucht bringt, bleibt offen. Weil ich Theologe bin, sage ich: Das weiß dann ein anderer“. Das Klagelied auf den Niedergang der Heimat wird er nie mitsingen. Trauern wird er trotzdem. Heimlich.