Foto: Steffi Unsleber

Foto: Steffi Unsleber

Schnapsschüsse

Schöner saufen in Rumänien

Schnaps, überall Schnaps. Ob aus Zwetschgen, Kirschen, Birnen oder Aprikosen: In Rumänien wird alles zu Schnaps. Gebrannt wird er schwarz. Dem will die EU schon seit langem einen Riegel vorschieben, bislang vergeblich. Über die Liebe zu hartem Alkohol – ein Kaleidoskop des Rausches.

Von Tiemo Rink

Als Rumänien am 1. Januar 2007 der EU beitrat, war die Stimmung in Bukarest ausgezeichnet. Gemeinsam mit dem damaligen deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) ließ sich Regierungschef Călin Popescu-Tăriceanu von der Bukarester Bevölkerung feiern, ein Freudenrausch mit Europafahnen, blau-gelbem Feuerwerk und knallenden Sektkorken.

Deutlich verhaltener fiel die Reaktion unter rumänischen Bauern aus, die mit klirrenden Sektflöten eher selten zu tun haben. Dafür umso mehr mit Schnaps. Und an der Stelle kommt Europa ins Spiel. Denn seit dem EU-Beitritt Rumäniens ist die Brennerlaubnis für Schnaps auf jährlich 50 Liter pro Familie begrenzt. Eine ausgesprochen geringe Menge, ist doch der regelmäßige Schnapskonsum fester Bestandteil der rumänischen Landkultur.

Rumänische Obstbrände liegen meist irgendwo zwischen 50 und 55 Prozent Alkoholgehalt. Und werden in den Dörfern schwarz gebrannt, in Plastikflaschen ohne Etikett gefüllt und zu jedem Anlass geleert. Man trinkt vor dem Essen, nach dem Essen und während des Essens. Man trinkt zur Anbahnung von Geschäften, währenddessen und nach erfolgreichem Geschäftsabschluss. Man trinkt aber auch, wenn ein Geschäft platzt. Man trinkt zur Begrüßung und zum Abschied, in glücklichen und schweren Momenten.

Man trinkt, um zu trinken und um einen Anlass zu haben, neuen Schnaps zu brennen. Kurz: Man trinkt, weil man es kann. Und die Brüsseler EU-Bürokraten? Könnten einfach mal mittrinken. So wie wir:

Foto: Undine Zimmer

Foto: Undine Zimmer

Der kleine Klare mit dem roten Runden

Undine Zimmer

Schnaps ist der Sekt Rumäniens. Zu Hochzeiten, zu Silvester, an Geburtstagen oder zu einem guten Essen wird man vergeblich nach Secco, Crémant oder ähnlich verzogenen Trauben Ausschau halten. Der Schnaps ist so omnipräsent wie Wasser. Auch religiöse Feste werden mit einem Klaren gefeiert: Ostermontag trifft man sich um Mitternacht, jeder mit einem roten Ei und einem Schnaps bewaffnet. Mit dem Ei wird zuerst angestoßen, während man sagt: „Der Herr ist auferstanden.“ Es folgt die übliche Antwort: „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden.“ Und dann wird der Schnaps gekippt.

Foto: Katrin Langhans

“Und sie tanzt mit einem, der sonst nie gewinnt”

Von Tiemo Rink

Gut gelaunt sitzt die zahnlose Seniorin in einer Siebenbürger Dorfkneipe und trinkt. Randvolle Gläser stehen auf dem Tisch, werden routiniert geleert, wieder gefüllt, wieder geleert. Die Frau hat einen Zug am Leib, der nach Übung aussieht. Die Gesetze der Gastfreundschaft gebieten, dem Fremden Schnaps anzubieten. Die Seniorin ist eine gute Gastgeberin. Und so trinkt und trinkt man, wohlwollend beobachtet von einer zufrieden lächelnden Greisin.

Forscher aus dem ostfranzösischen Grenoble haben vor kurzem herausgefunden, dass man sich je attraktiver und unwiderstehlicher findet, desto mehr man trinkt. Die alte Faustregel, dass der eigentlich mäßig attraktive Tischnachbar „schön gesoffen“ werden kann oder muss, gilt hier also gerade nicht.

Dass die Franzosen Recht haben, lässt sich auch in Siebenbürgen feststellen. Bereits nach wenigen Gläsern setzt ein seltsamer Effekt ein. Kussmünder fliegen, ein Stuhl rückt näher, graue Haare werden aus einer hohen Stirn gestrichen. Bevor es zum Äußersten kommt, verlässt man die Kneipe, schwankend und gerade noch rechtzeitig. Was passiert, wenn man den richtigen Zeitpunkt zum Aufbruch verpasst, lässt sich indes bei Peter Maffay erfahren.

Maffay, gebürtiger Rumäne und deshalb in Sachen Schnaps qua Geburt vom Fach, berichtete schon 1984 im Lied „Karneval der Nacht“ von einer folgenschweren Begegnung: „Sie steht an der Bar im Regenbogenlicht / Und die heißen Blicke registriert sie nicht. / Und sie tanzt mit einem, der sonst nie gewinnt. / Und sie stellt sich vor, wie er sie dann ohne Fragen nimmt.“

Mein trotziger Abschiedsschnaps

Foto: Nancy Waldmann

Mein trotziger Abschiedsschnaps

Von Nancy Waldmann

Ohne Schnapsmoment kann Siebenbürgen gar nicht wirklich werden. Der unausweichliche Schnapsmoment war fester Bestandteil unserer Magazinplanung. Bei meiner ersten Rumänienreise vor elf Jahren musste ich ihn ständig erleben, vor dem Essen, während dem Essens, nach dem Essen – ich war sicher, er würde auch diesmal kommen.

Er blieb aus. Was war los? Waren die Rumänen zahm geworden, wollten sie ihre Gäste nicht mehr herausfordern? Bei Herrn S. in Reichesdorf bekam ich lediglich einen süßen Wein serviert. Seinen Schnaps musste ich kaufen, in Cola- und Fantaflaschen füllte ihn seine Frau ab. Ich hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, zwei Tage lagen noch vor uns. Nichts passierte in Sachen Schnaps. Resigniert trottete ich am Abend vor der Abreise zur Kneipe in Reichesdorf, auf dem Tresen waren zehn verschiedene Flaschen mit Hochprozentigem aufgebaut, ich zeigte auf die Flasche neben „Stalinskaya“ (dem angeblichen Schnaps-Marktführer in Rumänien, der Name stieß mich ab). Die Kneipe war voll, Männer saßen an den Tischen. Im Stehen und vor den gaffenden Augen aller stürzte ich trotzig den Becher herunter. Das Zeug schmeckte wässrig, wie gestreckt.

Schnaps und Journalismus ergänzen sich in Rumänien (Foto: Dominik Drutschmann)

Foto: Dominik Drutschmann

Stift, Block, Schnaps

Von Lisa Rokahr

Dass Journalisten saufen, ist erstens eine Verleumdung und zweitens kein Wunder. Fand Günther Nenning, der erstens selbst Journalist war und zweitens Recht hat. Besonders in Rumänien hat der Journalist keine Wahl: Ein Schnaps, um die Zunge des Interviewpartners zu lösen. Ein Schnaps, um die Sprache des Dolmetschers zu sprechen. Ein Schnaps, um abends noch ein paar Zeilen aus dem Kopf zu spülen. Und dann noch ein Schnaps, um nicht im Wörtersee zu ersaufen. Damit wird Schnaps nach Notizblock, Stift und Diktiergerät zum wichtigsten Werkzeug eines Journalisten in Rumänien. Und sprachlich muss sich der Deutsche nicht einmal umstellen: „Schnaps“, das ist Weltsprache, das versteht jeder Rumäne, jeder Ungar, jeder Zigeuner. Schnaps, dieses kleine Getränk mit großer Wirkung. Bringt die Menschen zusammen und den Stift zum Papier.

Ein Schnaps auf zwei Bären (Foto: privat)

Foto: privat

Ein Schnaps auf zwei Bären

Von Katrin Langhans

Fotografieren ist verboten, aber sobald die Mitarbeiter um die Ecke biegen, drücken wir auf den Auslöser. Um die Bären zu fotografieren, die illegal auf dem Hinterhof einer Bäckerei gehalten werden. Journalisten haben hier keinen Zutritt. Die Bären dürfen wir nur sehen, weil wir uns als Touristen ausgeben.

Erst knipsen wir verhalten Bilder aus unmöglichen Perspektiven, die Kamera vor dem Bauch, dann mit etwas mehr Adrenalin im Blut durch den Sucher unserer Kameras. Die Aufgaben klar verteilt. Einer hält Wache und stößt ein entzücktes „Oh, wie süß!“ aus, wenn sich jemand nähert, der andere schießt Bilder. Nach dem ungemütlichen Fotoshooting, fühle ich mich zum ersten Mal in Rumänien danach, einen Schnaps zu trinken.

Wir fahren ins Dorf und treffen in der Dorfkneipe Bokor Lajos, einen Ungaren. Er empfiehlt uns eine Flasche, in der braune Flüssigkeit schwimmt. Drei Schnaps bitte, sage ich zu der Barfrau. Sie schenkt drei Gläser ein, die so groß sind wie meine Faust. Wir prosten uns zu und ziehen den Schnaps in einem kurzen Zug runter. Mit einem Klick schießen die zwei Knopfaugen auf dem flauschigen Bärengesicht wieder in meinen Kopf. Und brennen sich fest, wie der Schnaps in meiner Kehle.

Drei mit Wasserglas

Foto: Vergessen

Der Wolf im Wasserglas

Von Lena Müssigmann

Was man über die rumänische Trinkkultur wissen sollte, habe ich schon auf der stundenlangen Fahrt in meinem kleinen Reiseführer nachgelesen. Demnach rechnen die Rumänen bei Hochprozentigem in Gramm – es gibt den kleinen Schnaps mit 50 Gramm und den großen mit 100 Gramm. Und den ganz großen mit 200 Gramm. Der heißt dann: „Schnaps im Wasserglas“. Am zweiten Abend stand er in einem Weinkeller plötzlich vor mir. In übermütiger Stimmung hatten Lisa, Steffi und ich dem kleinen dicken Glatzkopf hinter der Bar zugerufen: „Trei Schnaps.“ 200 Gramm Schnaps. Für jede von uns. Na dann, salute! Ich sehe durch meine zusammengekniffenen Augen wie sich auch Steffis Gesichtszüge verkrampfen. Trotz des kräftigen Schlucks sind noch mindestens 190 Gramm Schnaps in jedem unserer Gläser. Unsere Nebensitzer nippen auch mal. Der große Rest bleibt aber Lisa, Steffi und mir. Ex, weg. Am nächsten Morgen geistert ein Sprichwort durch meinen Kopf: Das vom Wolf im Schafspelz. Der Schnaps im Wasserglas – ich hätte es wissen können.

Der Anti-Schnaps-Moment (Foto: Barbara Opitz)

Foto: Barbara Opitz

Der Anti-Schnaps-Moment

Von Barbara Opitz

Am Abend zuvor, in der Dorfkneipe, hatten wir extra nichts getrunken. Uns schauderte bei dem Gedanken am nächsten Morgen Mengen Schnaps – den harten, selbstgebrannten – hinunter zu kippen. Einen frisch angefertigten Kupferkessel, zum Schnapsbrennen, hatten wir bei den Kalderash, den Kesselschmieden, bestellt. Der Volksstamm der Roma ist bekannt für ihr feines Handwerk. Als Besiegelung des Geschäfts, so ist es zu lesen, gibt es einen gemeinschaftlichen Schnapsgenuss. Bei den Zigeunern wird Gastfreundschaft groß geschrieben. Das Angebot ablehnen also unmöglich. Mit reichlich Weißbrot und gefühlten Tonnen fettigem Käse im Magen machten wir uns in der Früh auf. Der Kessel wurde ein Prachtexemplar. Bauchig und glänzend. 40 Liter Maische passen hinein. Als die Lei von einer Hand in die andere wechselten und wir schon dachten, dem Trinkgelage entkommen zu sein, hielt uns die Clan-Mutter in wild gemustertem Rock an: „Wollt ihr nichts trinken?“, fragte sie freundlich. Ihre Goldzähne blitzten. „Ja gern“, flöteten wir. Ein paar Minuten später erschien sie mit beladenem Tablett – darauf ein Teeservice mit Rosenmuster. Die Roma-Sippe, bei der wir den Kessel kauften, gehört der Pfingstgemeinde an – und dort herrscht Alkoholverbot. Erfrischt von gut einem Liter Früchtetee zogen wir von dannen. Den Schnaps brennen wir uns jetzt selbst. Und trinken werden wir ihn vorzugsweise erst am Abend.

Schnaps mit Pfarrer Sándor (Foto: Dominik Drutschmann)

Foto: Dominik Drutschmann

Schnaps mit Pfarrer Sándor

Von Dennis Yücel

Als mich Pfarrer Varró Sándor einlud, mit ihm einen Schnaps zu trinken, muss es etwa 11.30 Uhr  gewesen sein und ich hatte gerade einen der schlimmsten Vormittage meines Lebens hinter mir. Im angetrunkenen Zustand hatte ich mich am Abend zuvor breitschlagen lassen, an diesem Sonntag in aller Frühe den Gottesdienst der ungarisch-reformierten Kirche zu fotografieren. Dummerweise hatte mich das nicht davon abgehalten, weiter zu trinken, und so hatte ich – wie man gemeinhin sagt – einen ziemlich krassen Helm auf, als ich am nächsten Morgen in der Kirche stand.

Natürlich kam ich zu spät und platzte mitten während des Gottesdienstes in den engen Pfarrsaal. Während ich noch nicht mal das Weckerklingeln verkraftet hatte, fand ich mich plötzlich einer Phalanx aus versteinerten Altweiber-Gesichtern gegenüber, die mich scheinbar aus purem Böswillen mit ihren Blicken in die Hölle wünschten. Ich, von Natur aus ein schüchterner Mensch, stand verloren im Mittelgang, klammerte mich an meiner Kamera fest und versuchte, freundlich in die Runde zu lächeln, begleitet von der Angst, man könnte jetzt auch noch meine Fahne riechen. Keine Reaktion. Also einfach ein paar Fotos machen und nichts wie raus hier!

Gestaltete sich aber schwierig: Schlechtes Licht, ständig alles verwackelt. Also stolperte ich auf weichen Knien durch die Reihen und schmetterte verschämt das Tschickadüüüt meiner Kamera in die Andacht. Dann, als der Gottesdienst vorbei war, plötzlich: Freudestrahlende Gesichter. „Wie schön, dass junge Menschen wie Sie zu uns in die Kirche kommen!“ – „Bleiben sie doch ein bisschen! Der Pfarrer feiert heute seinen Namenstag!“ Verkehrte Welt. Der Missmut des Gottesdienstes war komplett verflogen. Man liebte mich als seinen Nächsten.  „Was trinken Sie? Was Süßes oder was Scharfes?“ –  Ich nahm das Scharfe. Es schmeckte zwar wie Benzin, aber tat entsetzlich gut.

Schnaps statt Abendbrot (Foto: Steffi Unsleber)

Foto: Steffi Unsleber

Schnaps statt Abendbrot

Dominik Drutschmann

Ob ich einen Schnaps möchte, fragt mich Rolf Roth, Bauer aus Malmkrog. Ich höre mich „ja“ sagen und eifrig mit dem Kopf nicken, obwohl ich lieber abgelehnt hätte. Vielleicht ist es Bauer Roths imposante Erscheinung, vielleicht ist es meine gute Kinderstube. So oder so habe ich einen Schnaps vor mir stehen, den ich nicht will. Feste Nahrung gab es zuletzt beim Frühstück, mittlerweile ist es dunkel geworden in Malmkrog. Kaum hatte ich den Schnaps hinuntergekippt, wurde das Glas wieder gefüllt. Auf einem Bein kann man nicht stehen – diese Trinker-Weisheit gilt wohl auch in siebenbürgischen Dörfern. Am Ende des Abends hatte ich viele Beine; Stehen fiel mir dennoch schwer.