Mathias Krauss zieht es nach Jahren in Deutschland zurück nach Siebenbürgen
(Foto: Uli Reinhardt)

Rückwanderung

Siebenbürgen, süße Heimat

Nur wenige Siebenbürger Sachsen sind in Rumänien geblieben, die meisten zieht es nach Deutschland. Was überdauert, sind Erinnerungen an die Heimat, ein unverwechselbares Land, an eine Kultur, die auszusterben droht. Doch nur wenige folgen ihren Gedanken zurück nach Siebenbürgen. So wie Mathias Krauss.

Von Lisa Rokahr

Dass die Sehnsucht nach Siebenbürgen jemals so stark sein würde, hatte Matthias Krauss bei seiner Ausreise 1989 nie erwartet. Damals wollte er nur raus, aus dem überwachten Rumänien unter Nicolae Ceaușescu, rein in die Unabhängigkeit, nach Deutschland. „Ich habe nur die Freiheit gesehen“, sagt Krauss. „Jeder Mensch, der sie hat, weiß sie zu schätzen. Wer sie hat, der weiß nicht, was er mit ihr anfangen soll.“ Er versucht zu flüchten, heimlich will er über die Grenze. In den Achtziger Jahren versucht er über Bulgarien und die Türkei nach Deutschland zu kommen. Die Gefahr lauerte in Bulgarien. Wenn er erwischt wird, liefern ihn die bulgarischen Grenzbeamten an Rumänien aus. „Es war ein Labyrinth von Grenzen zwischen Ost und West.“ Irgendwann sah er türkische Soldaten und wähnte sich in Sicherheit. Aber es war bulgarisches Militär in türkischer Uniform. „So bin ich reingefallen.“ Zurück in Rumänien muss er für den Fluchtversuch ins Gefängnis. Doch das macht seinen Wunsch nach Freiheit nur noch stärker. Er konnte mit dem System, der alles überwachenden Securitate und den Schikanen nicht mehr leben. Immer wieder beantragt er seine Ausreise, geht zu Behörden, Audienzen. 1989, kurz vor dem Sturz Ceaușescus, bekommt er endlich seinen Pass. Da ist er 33 Jahre alt.

Zurück in Siebenbürgen bleiben seine Eltern, das Haus, in dem er aufwuchs, und die Erinnerungen an die Heimat, die er so liebte und gleichzeitig hasste, weil sie unter Ceaușescu ein Ort der Unfreiheit wurde. Er wagt den Schritt in ein neues Leben in Deutschland. „Ich bin mit nichts angekommen. Nur meine Frau, unsere zwei kleinen Kinder, zwei Koffer.“

„Siebenbürgen ist stehengeblieben“

Er lebt sich schnell ein in Deutschland – nur heimisch wird er dort nie. Es ist die Gemeinschaft, die ihm in der Fremde fehlt. „Zu Hause in Siebenbürgen hatte alles seine Richtigkeit, die Gemeinschaft fing einen auf.“ In Siebenbürgen funktionierte dieses Gefüge seit Jahrhunderten. Unter den mächtigen Dächern der Kirchenburgen wurde das Prinzip Heimat seit dem 12. Jahrhundert gesponnen. In Deutschland drohte es innerhalb weniger Jahrzehnte verlorenzugehen. „Wir dachten, Deutschland ist wie Siebenbürgen. Aber Siebenbürgen ist stehengeblieben mit der Mentalität von 1800.“ Während man in der Heimat noch in Tracht ging und traditionelle Feste gefeiert wurden, gingen die Bräuche in Deutschland verloren.

Mathias Krauss versucht dagegen anzukämpfen, will die jahrhundertealte Kultur an seine Kinder weitergeben. Er gründet mit anderen Auswanderern den Heimatverein Rokestuf. Doch wenn das Siebenbürgenlied erklingt, will er heim. Nach „Siebenbürgen, Land des Segens, Land der Fülle und der Kraft, mit dem Gürtel der Karpaten“, zurück in die „süße Heimat“. Auch bei der Arbeit erzählt er immer wieder von Siebenbürgen, „das ist mein Leben“, sagt er. Schließlich fährt sein Arbeitgeber mit ihm zurück in seinen Herkunftsort Großau. Dort erkennt er jedes Haus wieder, jeder Stein ist ihm vertraut, und für ihn steht fest: Er muss zurück. Ungeachtet der Rückständigkeit Rumäniens zieht es ihn wieder zu seinen Wurzeln. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“

Inzwischen hat er eine Firma im siebenbürgischen Großau aufgebaut. Noch pendelt er, bald will er dieses Unternehmen an seinen Sohn abgeben. „Dann sind meine Frau und ich unabhängig“, sagt der 54-Jährige. „Seelisch sind wir schon hier, waren wir immer, bald werden wir ganz zurückkehren.“ Auch wenn er schon jetzt dort manchmal einsam ist, denn es wohnen noch wenige Sachsen dort. Während viele wegziehen, hat er ein Haus gekauft in Großau, dem Ort, in dem im Sommer hunderte Störche sind. Sie nisten dann auf jedem Strommasten. „Aber wenn die Störche im Sommer wiederkommen, dann kommen auch die Sachsen zurück.“ Die Sommersachsen. Aber Matthias Krauss hat in der Ferne längst erkannt: Heimat ist für ihn nur am Gürtel der Karpaten, zwischen grünen Hügeln, dort wo die Kirchenburg steht. „Ich bin ein Siebenbürger Sachse, ein Heimatkind.“